Migration als Startup-Turbo? Was der Migrant Founders Monitor 2025 wirklich belegt und was nicht

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14 Prozent der Startup-Gründerinnen und -Gründer in Deutschland wurden im Ausland geboren. Unter den Gründern von Unicorns steigt dieser Anteil nach dem Migrant Founders Monitor 2025 auf 23 Prozent, und mehr als die Hälfte der untersuchten deutschen Unicorns verfügt dem Bericht zufolge über mindestens einen eingewanderten Gründer im Gründungsteam. Hinzu kommen hohe Akademikerquoten, ein ausgeprägter MINT-Anteil und eine starke internationale Orientierung. Das sind bemerkenswerte Befunde.

Die Begleitkommunikation des Startup-Verbands und der Friedrich-Naumann-Stiftung geht allerdings deutlich weiter. Dort wird Einwanderung ausdrücklich als „zentraler Wachstumstreiber“ für das deutsche Startup-Ökosystem bezeichnet. Eingewanderte Gründer würden Innovation und wirtschaftliche Dynamik stärken.

Genau an dieser Stelle beginnt die notwendige Differenzierung. Die Untersuchung liefert überzeugende Hinweise darauf, dass eingewanderte Gründer innerhalb des deutschen Startup-Ökosystems eine relevante und in einzelnen Bereichen überproportional sichtbare Rolle spielen. Einen kausalen Beweis dafür, dass Migration an sich ein „Startup-Turbo“ ist, liefert sie nicht. Dazu fehlen Herkunftsdifferenzierung, Einwanderungswege, Geschlecht, Religion, Aufenthaltsdauer, belastbare Vergleichsgruppen, Erfolgs- und Scheiterquoten sowie eine ganze Reihe weiterer Variablen.

Das macht den Migrant Founders Monitor nicht wertlos. Im Gegenteil: Er ist eine interessante Untersuchung eines wichtigen Teilbereichs der deutschen Wirtschaft. Problematisch wird es erst, wenn aus einer deskriptiven Startup-Studie eine allgemeine Aussage über den wirtschaftlichen Nutzen oder Schaden von Migration gemacht wird.

Zunächst muss geklärt werden, was überhaupt untersucht wurde

Der Migrant Founders Monitor 2025 basiert auf dem Deutschen Startup Monitor 2024. An dieser Befragung nahmen 1.828 Personen teil. Bei 1.432 Teilnehmern konnte ermittelt werden, ob eine Einwanderungsgeschichte vorliegt; daraus ergeben sich 255 Gründer mit Einwanderungsgeschichte. Die im Bericht als „Migrant Founders“ bezeichnete Kerngruppe wird noch enger definiert: Gemeint sind Gründer, die selbst im Ausland geboren wurden und nach Deutschland eingewandert sind. Ihr Anteil liegt bei 13,9 Prozent.

Damit fehlen für rund 22 Prozent der 1.828 Teilnehmer Angaben zur Einwanderungsgeschichte. Eine ausführliche Analyse, ob sich diejenigen mit und ohne entsprechende Angaben systematisch unterscheiden, veröffentlicht der Monitor nicht. Das bedeutet nicht, dass dadurch eine relevante Verzerrung entstanden sein muss. Bei einer methodischen Bewertung gehört diese Missing-Data-Frage aber auf den Tisch.

Noch wichtiger ist die Grundgesamtheit. Der Deutsche Startup Monitor untersucht ausdrücklich nicht sämtliche Existenzgründungen. In seiner Methodik grenzt er Startups als höchstens zehn Jahre alte Unternehmen ab, die innovativ sind und beziehungsweise oder signifikantes Mitarbeiter- oder Umsatzwachstum anstreben. Der Bericht weist selbst darauf hin, dass Innovativität und Skalierbarkeit nur auf einen kleinen Teil aller Existenzgründungen zutreffen. Freiberufliche Tätigkeiten oder gewöhnliche Beratungstätigkeiten werden ausdrücklich ausgeschlossen.

Ein Unternehmer, der eine Gebäudereinigung mit zunächst drei Mitarbeitern gründet, gehört deshalb nicht automatisch zu dieser Untersuchung. Gleiches gilt typischerweise für einen Kiosk, einen Friseurbetrieb, einen kleinen Pflegedienst, eine klassische Spedition, einen Handwerksbetrieb oder ein Restaurant. Ein Reinigungsunternehmen könnte selbstverständlich ein Startup sein, wenn dahinter beispielsweise eine innovative Technologie oder ein stark skalierbares Geschäftsmodell steht. Die reine Unternehmensgründung reicht aber nicht.

Dieser Unterschied ist fundamental.

Startup-Gründer sind nicht dasselbe wie Gründer

Wie groß diese Differenz sein kann, zeigt der Vergleich mit dem KfW-Gründungsmonitor. KfW Research kommt für 2024 auf rund 585.000 Existenzgründungen und berichtet, dass rund 30 Prozent der Gründer eine Einwanderungsgeschichte aufwiesen. Der KfW-Gründungsmonitor betrachtet jedoch die allgemeine Existenzgründung und damit ein wesentlich breiteres wirtschaftliches Spektrum als der Deutsche Startup Monitor.

Demgegenüber weist der Migrant Founders Monitor innerhalb seines deutlich enger definierten Startup-Sektors 17,8 Prozent Gründer mit Einwanderungsgeschichte aus.

Aus dem Unterschied von 30 zu 17,8 Prozent darf kein direkter kausaler Schluss gezogen werden, weil Datenerhebung, Stichprobe und Untersuchungszweck verschieden sind. Er zeigt aber sehr deutlich, warum „Migrant Founders“ und „migrantisches Unternehmertum“ nicht synonym verwendet werden dürfen.

Das ifo Institut kommt bei einer Auswertung der Gewerbeanzeigenstatistik zu einem weiteren wichtigen Befund: Zwischen 2008 und 2021 lag die Gründungsaktivität ausländischer Staatsangehöriger relativ zur jeweiligen Bevölkerung über derjenigen deutscher Staatsangehöriger. Besonders häufig wurden Unternehmen im Gastgewerbe, in Verkehr und Lagerei sowie im Bau gegründet; einen großen Anteil stellten EU-Ausländer.

Damit öffnet sich eine wirtschaftliche Welt, die der Migrant Founders Monitor nur am Rand abbildet. Sie produziert vielleicht keine Unicorns, aber Beschäftigung, Umsatz, Gewerbesteuer, Einkommen und Dienstleistungen.

Wer den ökonomischen Beitrag eingewanderter Unternehmer beurteilen will, muss beide Welten betrachten: Celonis, Deeptech und Venture Capital ebenso wie Bauunternehmen, Logistik, Gastronomie und Gebäudereinigung.

Was der Monitor tatsächlich stark belegt

Innerhalb seiner eigenen Fragestellung liefert die Untersuchung einige bemerkenswerte Ergebnisse. 91 Prozent der Migrant Founders verfügen über einen Hochschulabschluss, bei Startup-Gründern insgesamt sind es 87 Prozent. 56 Prozent besitzen einen MINT-Abschluss gegenüber 47 Prozent im gesamten Startup-Sample. 58 Prozent haben in Deutschland studiert. 57 Prozent ihrer Startups entstanden im Umfeld von Hochschule oder Forschung, 21 Prozent halten Patente auf eigene Technologien und 14 Prozent werden als Deeptech klassifiziert.

Auch die internationale Ausrichtung fällt auf. 87 Prozent der Unternehmen von Migrant Founders erzielen bereits Auslandsumsätze oder planen eine Internationalisierung, gegenüber 79 Prozent bei Startups insgesamt. Der Anteil internationaler Mitarbeiter liegt in ihren Unternehmen bei 50 Prozent und damit deutlich über den 31 Prozent im Gesamtsample. Das internationale Netzwerk bewerten Migrant Founders mit 45 Prozent häufiger positiv als Gründer insgesamt mit 32 Prozent.

Der spektakulärste Befund betrifft die Unicorns. 23 Prozent der Unicorn-Gründer sind nach der eigenen Auswertung des Reports nicht in Deutschland geboren; 52 Prozent der Unicorn-Unternehmen verfügen über mindestens einen Migrant Founder im Gründungsteam.

Das sind keine irrelevanten Zahlen. Sie widersprechen insbesondere jeder pauschalen Behauptung, eingewanderte Menschen spielten im innovationsorientierten deutschen Unternehmertum keine Rolle.

Mehr beweisen sie zunächst nicht.

Aus 23 Prozent Unicorn-Gründern wird noch kein kausaler „Migrationseffekt“

Ein klassischer methodischer Fehler besteht darin, aus einer beobachteten Überrepräsentation eine Ursache abzuleiten.

Dass 23 Prozent der Unicorn-Gründer im Ausland geboren wurden, während der Anteil unter Startup-Gründern insgesamt bei 13,9 Prozent liegt, zeigt zunächst nur eine statistische Beziehung. Warum sie besteht, lässt sich aus dieser Zahl nicht bestimmen.

Denkbar wären viele Erklärungen. Vielleicht wirkt internationale Erfahrung tatsächlich positiv auf die Gründungswahrscheinlichkeit. Vielleicht selektiert Deutschland über Universitäten und Arbeitsmigration besonders leistungsfähige internationale Talente. Vielleicht ziehen erfolgreiche Startup-Hubs überproportional mobile Hochqualifizierte an. Vielleicht konzentrieren sich eingewanderte Gründer stärker auf Branchen, in denen hohe Bewertungen häufiger vorkommen. Vielleicht spielen internationale Netzwerke eine entscheidende Rolle. Vermutlich greifen mehrere Faktoren gleichzeitig ineinander.

Die Studie verfügt jedoch nicht über einen experimentellen oder quasi-experimentellen Aufbau, mit dem diese Wirkungen isoliert werden könnten. Es existiert kein kontrafaktischer Vergleich derselben Personen ohne Migration, kein Matching nach Bildung, Alter, Branche, sozialer Herkunft und Kapitalausstattung und keine veröffentlichte multivariate Kausalanalyse, mit der der eigenständige Effekt der Migration identifiziert würde. Der Deutsche Startup Monitor bezeichnet seine Untersuchung selbst als Momentaufnahme und weist darauf hin, dass seine Erhebung über Multiplikatoren keine Repräsentativität im klassischen statistischen Sinne beanspruchen kann.

Damit kann der Monitor zeigen, dass Migrant Founders im deutschen Startup-System wichtig sind. Er kann nicht isolieren, ob und in welchem Umfang gerade die Migration den Erfolg verursacht.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Auch die Vergleichsgruppe verdient mehr Aufmerksamkeit

Bei vielen Grafiken werden „Migrant Founders“ den „Gründer*innen allgemein“ gegenübergestellt. Beispielsweise besitzen 91 Prozent der Migrant Founders einen Hochschulabschluss gegenüber 87 Prozent der Gründer insgesamt; 57 Prozent bezeichnen Resilienz als eigene Stärke gegenüber 51 Prozent im Gesamtsample.

Für die Frage „Wie unterscheiden sich Migrant Founders vom gesamten deutschen Startup-Ökosystem?“ ist das legitim.

Für die Frage „Wie unterscheiden sich eingewanderte von nicht eingewanderten Gründern?“ wäre hingegen eine reine Vergleichsgruppe ohne Migrant Founders methodisch sauberer. Denn die Gruppe „Gründer allgemein“ enthält die Migrant Founders selbst.

Der Effekt dürfte bei einem Anteil von rund 14 Prozent nicht dramatisch sein. Dennoch ist es analytisch ein anderer Vergleich. Gerade bei kleinen Differenzen von fünf oder sechs Prozentpunkten wäre eine Gegenüberstellung „erste Generation versus ohne Einwanderungsgeschichte“ aussagekräftiger.

Hinzu kommt, dass zahlreiche Unterschiede über Drittvariablen erklärt werden könnten. Wer häufiger einen MINT-Abschluss besitzt, gründet möglicherweise häufiger im Technologiesektor. Wer häufiger im Technologiesektor gründet, hat möglicherweise höheren Venture-Capital-Bedarf und stärkere internationale Orientierung. Ohne Kontrolle von Branche und Bildungsprofil weiß man nicht, welcher Teil des Unterschieds tatsächlich mit der Einwanderungsbiografie zusammenhängt.

Die große Leerstelle: Was ist mit gescheiterten Startups?

Die wahrscheinlich bedeutendste Einschränkung für Aussagen über unternehmerischen „Erfolg“ wird im öffentlichen Umgang mit solchen Studien regelmäßig übersehen: Die Untersuchung liefert keine belastbare Gegenüberstellung von Erfolgs- beziehungsweise Überlebensraten.

Wir erfahren, wer heute gründet, welche Qualifikationen die Befragten besitzen, wie sie sich selbst einschätzen und welche Herausforderungen ihre Unternehmen sehen. Wir erfahren aber nicht, ob Startups eingewanderter Gründer nach drei, fünf oder sieben Jahren häufiger oder seltener am Markt bestehen als vergleichbare Unternehmen anderer Gründer.

Auch der Unicorn-Befund löst dieses Problem nicht. Wer ausschließlich erfolgreiche Milliardenunternehmen betrachtet, untersucht definitionsgemäß die Gewinner. Daraus lässt sich keine Erfolgswahrscheinlichkeit ableiten.

Ein einfaches Gedankenexperiment macht das deutlich. Angenommen, eine Gruppe gründet 1.000 Unternehmen und produziert zehn Unicorns, während eine andere 100 Unternehmen gründet und fünf Unicorns hervorbringt. Die erste Gruppe hätte absolut mehr Unicorns, die zweite aber eine fünfmal höhere Unicorn-Quote. Ohne Grundgesamtheit und Scheiterhistorie kann die Zahl der sichtbaren Gewinner täuschen.

Gerade deshalb wären Kohortenanalysen interessant: Wie viele im Jahr 2018 gegründete Startups bestehen nach drei, fünf oder sieben Jahren noch? Wie hoch sind Insolvenz, freiwillige Aufgabe, Verkauf, Fusion und Exit? Wie unterscheiden sich Beschäftigungs- und Umsatzwachstum? Wie viele Unternehmen erreichen eine Anschlussfinanzierung?

Internationale Forschung zeigt, dass diese Frage keineswegs trivial ist. Die OECD fasst für verschiedene EU- und OECD-Länder Forschung zusammen, wonach Unternehmen von Eingewanderten historisch im Durchschnitt leicht niedrigere Überlebensraten aufweisen, wobei die Unterschiede stark nach Land, Branche und Aufenthaltsdauer variieren. Die OECD nennt als historischen Durchschnitt für EU-OECD-Länder eine Lücke von rund drei Prozentpunkten; für einzelne Länder und innovative Unternehmen fallen die Unterschiede teilweise stärker oder gar nicht aus.

Eine auf deutschen SOEP-Daten basierende Studie von Brzozowski und Lasek kommt ebenfalls zu dem differenzierten Ergebnis, dass aktuelle Selbstständigkeit bei Migranten mit höheren Einkommen verbunden sein kann, während frühere, inzwischen beendete Selbstständigkeit auf erhebliche Misserfolgsrisiken hinweist. Die Autoren warnen ausdrücklich davor, Unternehmertum als universellen Integrationsweg zu verstehen.

Diese Untersuchungen betreffen nicht dieselbe Population wie der Migrant Founders Monitor und widerlegen ihn daher nicht. Genau das Gegenteil ist der Punkt: Sie zeigen, warum Überlebensraten, Branchen und gescheiterte Unternehmen zwingend benötigt werden, bevor aus Gründungsaktivität langfristiger Erfolg abgeleitet wird.

Nicht nur wer gründet ist interessant, sondern wer vorher ausgeschieden ist

Daneben besteht ein klassisches Selektionsproblem. Wer im Deutschen Startup Monitor auftaucht, muss bereits einen erheblichen Auswahlprozess durchlaufen haben. Er muss eine Startup-Idee entwickelt haben, Zugang zum Ökosystem gefunden haben und von den Netzwerken und Multiplikatoren erreicht worden sein, über die der DSM verbreitet wurde.

Der Deutsche Startup Monitor dokumentiert selbst, dass der Fragebogen über VC-Investoren, Business Angels, Technologiezentren, Acceleratoren, Inkubatoren, Businessplanwettbewerbe, Coworking-Spaces, Entrepreneurship-Organisationen und persönliche Netzwerke verbreitet wurde. Die Autoren schreiben ausdrücklich, dass keine einheitliche Ansprache aller Startups gewährleistet ist.

Das ist für eine Ökosystemstudie nachvollziehbar. Für Chancengleichheit wirft es aber eine weitere Frage auf: Welche potenziellen Gründer erreichen diese Netzwerke gar nicht?

Ein hochqualifizierter indischer Softwareentwickler in Berlin-Mitte ist wahrscheinlich leichter in einem Startup-Netzwerk erreichbar als eine syrische Ingenieurin, die erst seit zwei Jahren in einer kleineren Stadt lebt, Kinder betreut und noch keine Kontakte zur VC-Szene aufgebaut hat. Ob diese Annahme im Einzelfall stimmt, muss untersucht werden. Der Monitor kann sie nicht beantworten, weil er die Menschen, die gar nicht erst ins Startup-Ökosystem gelangen, naturgemäß kaum erfasst.

Herkunftsländer fehlen – obwohl sie analytisch viel erklären könnten

Die Untersuchung nennt Europa als häufigste Herkunftsregion und beschreibt die übrigen Geburtsorte als breit verteilt. Einzelne Herkunftsländer werden im veröffentlichten Bericht aber nicht systematisch ausgewiesen. Türkei, Syrien, Libanon oder Ukraine lassen sich deshalb aus den Ergebnissen nicht gesondert analysieren.

Das ist eine wesentliche Einschränkung, weil die in Deutschland lebende eingewanderte Bevölkerung keineswegs homogen ist. Nach Destatis waren 2025 Polen, Türkei, Ukraine, Russland und Syrien die fünf häufigsten Geburtsländer der selbst Eingewanderten; zusammen stellten sie 39 Prozent dieser Gruppe.

Noch entscheidender sind die unterschiedlichen Migrationswege. Für seit 2013 Eingewanderte nennt Destatis als besonders wichtige Einwanderungsgründe Flucht beziehungsweise internationalen Schutz, Erwerbstätigkeit und Familienzusammenführung; Studium und Ausbildung bilden einen weiteren relevanten Zugang.

Damit können zwei Menschen, die im Migrant Founders Monitor in derselben Kategorie landen, vollkommen verschiedene Ausgangsbedingungen haben. Ein promovierter Softwareentwickler, der mit Arbeitsvertrag nach Deutschland kommt, und ein Geflüchteter, der zunächst Aufenthaltsrecht, Sprache, Anerkennung seiner Ausbildung und berufliche Integration organisieren muss, sind statistisch beide „im Ausland geboren und eingewandert“.

Für viele wirtschaftliche Fragestellungen ist diese Zusammenfassung viel zu grob.

Auch ältere Forschung zeigt: Herkunft kann einen Unterschied machen

Dass eine feinere Betrachtung grundsätzlich möglich und wissenschaftlich relevant ist, zeigen frühere Untersuchungen. Eine DIW- beziehungsweise IZA-Studie zu Selbstständigen in Deutschland differenzierte beispielsweise zwischen türkischen Migranten und anderen Herkunftsgruppen und fand Unterschiede bei der Wahrscheinlichkeit, sich selbstständig zu machen. Eine spätere Langfristanalyse kam zudem zu unterschiedlichen Einkommenseffekten von Selbstständigkeit für verschiedene Herkunftsgruppen.

Diese Arbeiten sind teilweise mehr als 15 beziehungsweise 20 Jahre alt und dürfen nicht auf Deutschland 2026 übertragen werden. Ihr methodischer Wert liegt an einer anderen Stelle: Sie demonstrieren, dass „Migranten“ keine analytisch einheitliche Kategorie sein müssen.

Eine Folgestudie zum heutigen Startup-Ökosystem sollte deshalb zumindest größere Herkunftsregionen unterscheiden und bei ausreichenden Fallzahlen einzelne Länder ausweisen.

Religion ist kein Ersatz für Herkunft – kann für Chancengleichheit aber relevant sein

Noch sensibler ist die Religionszugehörigkeit. Im Migrant Founders Monitor wird sie nicht erhoben beziehungsweise nicht ausgewertet. Damit existiert keine Grundlage für Aussagen über muslimische, christliche, jüdische oder konfessionslose Migrant Founders.

Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass Religion für eine Untersuchung über Chancengleichheit grundsätzlich irrelevant wäre.

Entscheidend wäre die Forschungsfrage. Religion sollte nicht erhoben werden, um unternehmerische Leistungsfähigkeit einer Glaubensgemeinschaft zuzuschreiben. Sinnvoll könnte sie werden, wenn untersucht werden soll, ob Menschen mit unterschiedlichen sozialen oder religiösen Hintergründen bei sonst vergleichbaren Voraussetzungen unterschiedliche Zugänge zu Kapital, Netzwerken und Entrepreneurship-Programmen besitzen.

Ein Beispiel verdeutlicht die Problematik. Zwei in Syrien geborene Gründer könnten beide im Monitor als syrische Einwanderer geführt werden. Der eine könnte als hochqualifizierte Fachkraft freiwillig eingewandert sein, der andere aufgrund individueller politischer oder religiöser Verfolgung geflohen sein. Selbst wenn beide denselben Geburtsort haben, können ihre Ausgangsvoraussetzungen fundamental verschieden sein. Ob Religion, Minderheitenstatus oder Verfolgung dabei tatsächlich eine Rolle gespielt haben, muss erhoben werden und darf keinesfalls aus dem Herkunftsland oder Namen abgeleitet werden.

Gerade das verhindert stereotype Schlussfolgerungen. Ein in der Türkei geborener Mensch ist statistisch nicht automatisch Muslim; ein in Syrien geborener Mensch ebenfalls nicht. Religion aus Nationalität zu konstruieren wäre wissenschaftlich unzulässig.

Die Erhebung wäre zudem datenschutzrechtlich sensibel. Religiöse und weltanschauliche Überzeugungen gehören nach Art. 9 DSGVO zu den besonderen Kategorien personenbezogener Daten. Eine Forschungsstudie müsste deshalb eine zulässige Rechtsgrundlage und entsprechende Schutzmaßnahmen vorsehen; eine freiwillige ausdrückliche Einwilligung kann je nach Ausgestaltung eine mögliche Grundlage darstellen.

Dass dieses Merkmal schwierig zu erheben ist, ist kein Argument dafür, Herkunft, Religion und Migration miteinander zu vermischen. Das Statistische Bundesamt weist selbst darauf hin, dass Religionszugehörigkeit in Deutschland nicht regelmäßig vollständig statistisch erfasst wird und der Zensus nur bestimmte öffentlich-rechtliche Religionszugehörigkeiten abbildet.

Geschlecht darf bei Chancengleichheit nicht ausgeblendet werden

Ähnlich relevant ist das Geschlecht. Der Deutsche Startup Monitor 2024 weist lediglich 18,8 Prozent Gründerinnen aus. Schon für das Startup-Ökosystem insgesamt existiert also ein erheblicher Gender-Gap.

Der Migrant Founders Monitor veröffentlicht dennoch keine systematische Kreuzanalyse „Einwanderungsgeschichte × Geschlecht“. Damit bleibt beispielsweise unbeantwortet, ob weibliche Migrant Founders beim Kapitalzugang anders abschneiden als männliche Migrant Founders oder Gründerinnen ohne Einwanderungsgeschichte.

Das wäre für eine Chancengleichheitsanalyse hochinteressant.

Wenn eine bestimmte Gruppe unter Startup-Gründern stark unterrepräsentiert ist, sollte zunächst festgestellt werden, wo die Differenz entsteht. Liegt sie bei der Entscheidung zur Selbstständigkeit, beim Zugang zu Hochschulen, bei der Finanzierung, im VC-Netzwerk, bei familiären Rahmenbedingungen oder bereits beim Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt?

Auch hier dürfen statistische Unterschiede nicht automatisch als Diskriminierungsnachweis interpretiert werden. Die OECD weist darauf hin, dass Frauen unabhängig vom Geburtsland in vielen Staaten seltener selbstständig sind und dass Aufenthaltsdauer, Bildung und Arbeitsmarktintegration ebenfalls einen erheblichen Einfluss auf migrantische Selbstständigkeit haben.

Gerade deshalb wären entsprechende Daten sinnvoll.

Die Studie misst Selbsteinschätzungen teilweise wie Eigenschaften

Ein weiterer methodischer Punkt betrifft Aussagen über „Mindset“. Migrant Founders nennen beispielsweise häufiger Resilienz, Vision und Risikobereitschaft als eigene Stärken. 57 Prozent sehen Resilienz als persönliche Stärke gegenüber 51 Prozent bei Gründern insgesamt; bei Risikobereitschaft sind es 44 gegenüber 36 Prozent.

Das ist interessant.

Es ist aber zunächst eine Selbsteinschätzung und keine objektive psychologische Messung von Resilienz.

Wer von dieser Befragung zu der Aussage wechselt, Migrant Founders „seien resilienter“, geht einen Schritt weiter als die Daten. Die methodisch präzise Formulierung lautet, dass sie sich häufiger als resilient einschätzen.

Das mag pedantisch klingen. In einer politischen Debatte über Migration ist diese Genauigkeit jedoch wichtig.

Kapitalzugang: Hindernis oder höhere Nachfrage?

Ähnlich sorgfältig muss das Thema Finanzierung gelesen werden. 50 Prozent der Migrant Founders nennen Kapitalbeschaffung als eine ihrer drei größten Herausforderungen, gegenüber 41 Prozent der Gründer insgesamt. Sie versuchen zugleich häufiger, externe Investoren zu gewinnen und fragen häufiger Wagniskapital nach.

Daraus lässt sich eine plausible Hypothese über Zugangsprobleme ableiten.

Ein Beweis dafür, dass Investoren Migrant Founders diskriminieren, ist es nicht.

Wer häufiger Venture Capital benötigt, kann Kapitalbeschaffung schon deshalb häufiger als Problem empfinden. Unterschiedliche Branchen, Unternehmensphasen, Finanzierungsvolumen, Teamgrößen oder Geschäftsmodelle können ebenfalls eine Rolle spielen.

Um Chancengleichheit tatsächlich zu untersuchen, müsste man beispielsweise analysieren, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Finanzierung bei vergleichbarer Branche, Phase, Umsatzentwicklung, Technologie, Kapitalnachfrage und Teamqualität ist. Noch aussagekräftiger wären Daten über angefragtes Kapital, erhaltenes Kapital, Bewertungen und Ablehnungsquoten.

Diese Ebene fehlt.

Regionale Unterschiede erschweren weitere Interpretationen

Der Monitor zeigt selbst, dass gesellschaftliche Offenheit regional sehr unterschiedlich beurteilt wird. Großstädte schneiden teilweise deutlich besser ab, Ostdeutschland schlechter. Gleichzeitig konzentriert sich das deutsche Startup-Ökosystem stark auf Metropolregionen.

Auch das kann zu Verzerrungen führen. Wenn Migrant Founders häufiger in Berlin, München oder anderen internationalen Zentren gründen und dort gleichzeitig bessere Hochschulen, VC-Netzwerke und internationale Fachkräfte vorfinden, vermischen sich Migrationseffekt und Standortwirkung.

Für eine robuste Wirkungsanalyse müsste daher auch der Standort kontrolliert werden.

Dasselbe gilt für Branchen, Alter, Unternehmensphase und akademische Qualifikation.

Die Unicorn-Zahl ist stark – ihre Methodik ist knapp

Die 23-Prozent-Zahl bei Unicorn-Gründern und die 52-Prozent-Zahl bei Unicorn-Unternehmen gehören zu den kommunikationsstärksten Ergebnissen des Reports. Als Quellenangabe steht dort jedoch lediglich „eigene Auswertung, April 2025“.

Für einen solchen Schlüsselbefund wären zusätzliche methodische Informationen hilfreich gewesen: Welche Unternehmen wurden als deutsche Unicorns eingestuft? Welcher Bewertungsstichtag wurde verwendet? Wie wurden Gründerbiografien recherchiert? Wie wurden unbekannte Geburtsorte behandelt? Wurde ausschließlich der Geburtsort oder zusätzlich die tatsächliche Einwanderung nach Deutschland geprüft?

Die Zahl muss deshalb nicht falsch sein.

Ihre Reproduzierbarkeit ist lediglich geringer, als es bei einem der zentralen Befunde des Reports wünschenswert wäre.

Eine Studie kann nicht 200 Untergruppen gleichzeitig untersuchen

Bei aller Kritik muss man dem Monitor eine faire Grenze zugestehen. Mit 255 Teilnehmern mit Einwanderungsgeschichte wäre eine vollständige Aufgliederung nach Herkunftsland, Religion, Geschlecht, Einwanderungsgrund, Branche und Aufenthaltsdauer statistisch kaum sinnvoll.

Würde man beispielsweise zehn Herkunftsländer, zwei Geschlechter, vier Religionsgruppen und drei Migrationswege kombinieren, entstünden rechnerisch bereits 240 mögliche Gruppen. Viele Zellen enthielten nur einzelne Personen. Ergebnisse wären statistisch instabil und könnten zudem die Anonymität gefährden.

Der Kritikpunkt kann deshalb nicht lauten: „Warum hat diese einzelne Studie nicht jede denkbare Variable analysiert?“

Er lautet: Die Grenzen der Aggregation müssten bei der Interpretation noch stärker hervorgehoben werden.

Eine wissenschaftlich interessante nächste Stufe könnte größere Stichproben nutzen, mehrere Erhebungsjahre zusammenführen oder einzelne Gruppen gezielt überproportional befragen. Qualitative Interviews könnten ergänzend erklären, was quantitative Daten nur anzeigen.

Was eine wirkliche Chancengleichheitsstudie messen müsste

Eine deutlich tiefere Untersuchung könnte den heutigen Ansatz um mehrere Ebenen ergänzen:

AnalyseebeneRelevante Frage
Geburtsland / HerkunftsregionUnterscheiden sich Gründungs- und Erfolgsraten nach Herkunft?
EinwanderungsgrundStudium, Arbeitsmigration, Familie oder Flucht?
Alter bei EinwanderungKam die Person als Kind oder als Erwachsene?
AufenthaltsdauerWie lange konnte ein deutsches Netzwerk aufgebaut werden?
BildungAbschlussart, Fachrichtung, Deutschland oder Ausland?
GeschlechtGibt es innerhalb der Herkunftsgruppen unterschiedliche Chancen?
Religion / MinderheitenstatusExistieren bei vergleichbarer Qualifikation zusätzliche Barrieren?
Soziale HerkunftWelche finanzielle und soziale Ausgangsbasis bestand?
SpracheWie stark beeinflussen Deutschkenntnisse Netzwerke und Finanzierung?
BrancheTech, Handel, Bau, Gastronomie, Dienstleistungen, Industrie?
UnternehmensartStartup, klassische Existenzgründung oder Betriebsübernahme?
KapitalWie viel wurde gesucht, angeboten und tatsächlich investiert?
UnternehmensentwicklungUmsatz, Beschäftigung, Profitabilität und Produktivität
ÜberlebenBesteht das Unternehmen nach drei, fünf und sieben Jahren noch?
ScheiternInsolvenz, freiwillige Aufgabe, Pivot, Verkauf oder Teamkonflikt?
ExitVerkauf, Börsengang, Liquidation oder dauerhaftes Familienunternehmen?

Dann ließe sich eine wesentlich interessantere Frage beantworten als „Sind Migranten gute Gründer?“

Man könnte untersuchen, unter welchen Bedingungen Menschen mit unterschiedlichen Biografien tatsächlich dieselben unternehmerischen Chancen besitzen.

Gerade die Old Economy gehört in die Gesamtbetrachtung

Eine solche Untersuchung dürfte sich nicht ausschließlich auf Venture-Capital-Unternehmen beschränken. Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind in Deutschland in bestimmten Bereichen der klassischen Wirtschaft besonders stark vertreten. Destatis weist für Reinigungsberufe beispielsweise einen Anteil von 60 Prozent aus; in der Gastronomie waren es 46 Prozent und in Verkehrs- und Logistikberufen 38 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich auf Beschäftigte und nicht auf Unternehmer, zeigen aber die wirtschaftliche Bedeutung dieser Branchen für Menschen mit Einwanderungsgeschichte.

Das ifo Institut findet bei ausländischen Gewerbeanmeldungen ebenfalls Schwerpunkte in Gastgewerbe, Verkehr und Lagerei sowie Bau.

Damit entsteht ein komplett anderes Bild als beim Startup-Monitor.

Der türkischstämmige Handwerksunternehmer, der 25 Menschen beschäftigt und seit 20 Jahren profitabel arbeitet, ist wirtschaftlich möglicherweise wesentlich relevanter als ein VC-finanziertes Startup mit hoher Bewertung, das nach vier Jahren eingestellt wird. Umgekehrt kann ein Deeptech-Startup einen technologischen Durchbruch schaffen, dessen Wirkung die eines klassischen KMU weit übertrifft.

Beides gehört zur Wirtschaft.

Eine seriöse Migrations- und Gründungsforschung sollte nicht den Fehler machen, Unicorn-Bewertungen mit volkswirtschaftlichem Wert gleichzusetzen.

Was andere Daten gleichzeitig zeigen

Dass eine breitere Betrachtung zu einem komplexeren Bild führt, zeigt die KfW-Forschung. Menschen mit Einwanderungsgeschichte weisen ein überdurchschnittlich großes Interesse an Selbstständigkeit auf. Für 2024 beziffert KfW ihren Anteil an den Gründern auf rund 30 Prozent. Gleichzeitig werden finanzielle Risiken, Bürokratie und das gesellschaftliche Bild der Selbstständigkeit als relevante Hürden genannt.

Auch die amtlichen Arbeitsmarktdaten sind keineswegs eindimensional. Destatis weist darauf hin, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte in einigen gering qualifizierten Berufsgruppen überrepräsentiert und in Führungspositionen weniger stark vertreten sind. Eingewanderte leben zudem im Durchschnitt seltener überwiegend von eigener Erwerbstätigkeit als Menschen ohne Einwanderungsgeschichte, wobei Alter, Haushaltsstruktur, Qualifikation und Arbeitsmarktchancen relevante Erklärungsfaktoren sind.

Das ist keine Widerlegung des Migrant Founders Monitor.

Es zeigt lediglich, wie schmal der Ausschnitt ist, den er untersucht.

Warum migrationsfreundliche Leser genauso vorsichtig sein müssen wie migrationskritische

Genau deshalb eignet sich der Bericht schlecht für politische Absolutismen.

Wer Migration grundsätzlich positiv bewerten möchte, kann aus dem Monitor 23 Prozent ausländisch geborene Unicorn-Gründer, 91 Prozent Akademiker, 56 Prozent MINT-Absolventen und eine starke internationale Orientierung herausgreifen. Danach ließe sich leicht behaupten, Einwanderung produziere Innovation und Wachstum.

Die Daten reichen für diese allgemeine Aussage nicht.

Untersucht wurde eine hochselektierte Gruppe innovativer und wachstumsorientierter Gründer, viele davon akademisch qualifiziert und teilweise über deutsche Hochschulen in das Land gekommen. Über Menschen außerhalb dieses Sektors sagt die Untersuchung wenig aus.

Wer Migration grundsätzlich negativ bewertet, könnte dagegen die geringere Repräsentanz gegenüber anderen Teilen der Erwerbsbevölkerung, Probleme beim Kapitalzugang oder schwächere deutsche Netzwerke herausstellen.

Auch daraus folgt keine allgemeine negative Aussage.

Im selben Datensatz sind Migrant Founders unter Unicorn-Gründern deutlich stärker vertreten als unter Startup-Gründern insgesamt und zeigen hohe Qualifikation sowie starke internationale Orientierung.

Beide Lesarten machen denselben methodischen Fehler: Sie wählen jene Kennzahlen aus, die bereits zur eigenen Überzeugung passen.

Auch die Herausgeberperspektive sollte transparent bleiben

Der Startup-Verband ist keine neutrale Statistikbehörde, sondern die Interessenvertretung der deutschen Startup-Branche mit nach eigenen Angaben rund 1.200 Mitgliedern. Die Friedrich-Naumann-Stiftung formuliert einen politischen und gesellschaftlichen Bildungsauftrag aus liberaler Perspektive. Der Startup-Verband erklärt selbst, dass mit dem Migrant Founders Monitor Impulse für mehr Offenheit und Diversität am Gründungsstandort gesetzt werden sollen.

Das diskreditiert die Untersuchung keineswegs.

Verbände, Stiftungen, Banken, Gewerkschaften und Forschungsinstitute veröffentlichen regelmäßig hochwertige Studien. Entscheidend ist, empirische Ergebnisse und normative beziehungsweise politische Schlussfolgerungen auseinanderzuhalten.

Wenn die Pressemitteilung aus einer deskriptiven Studie die Aussage ableitet, Einwanderung sei ein zentraler Wachstumstreiber, darf diese Schlussfolgerung kritisch geprüft werden.

Darin liegt keine politische Positionierung gegen Migration. Es ist wissenschaftliche Methodik.

Was der Monitor guten Gewissens sagen kann

Auf Basis der veröffentlichten Daten lassen sich mehrere belastbare Aussagen formulieren.

Eingewanderte Gründer stellen einen relevanten Teil des deutschen Startup-Ökosystems. Innerhalb der untersuchten Population weisen sie sehr hohe akademische Qualifikation, einen starken MINT-Schwerpunkt und eine ausgeprägte internationale Orientierung auf. Sie sind in der veröffentlichten Unicorn-Auswertung überproportional vertreten. Gleichzeitig berichten sie häufiger von Schwierigkeiten beim Zugang zu Kapital und bewerten ihre Netzwerke innerhalb Deutschlands schwächer als Gründer insgesamt.

Diese Erkenntnisse rechtfertigen durchaus die wirtschaftspolitische Frage, ob Deutschland internationale Hochschulabsolventen und qualifizierte Gründer besser halten kann, ob Visa- und Verwaltungsprozesse effizient genug sind und wie internationale Gründer schneller Zugang zu deutschen Netzwerken erhalten.

Was die Daten nicht belegen, ist eine wesentlich größere Behauptung:

Dass Migration unabhängig von Herkunft, Qualifikation, Migrationsweg und individueller Ausgangslage einen positiven kausalen Effekt auf Startup-Erfolg oder die deutsche Volkswirtschaft besitzt.

Ebenso wenig belegen sie das Gegenteil.

Die eigentlich spannende Studie müsste erst noch geschrieben werden

Der Migrant Founders Monitor 2025 beantwortet eine wichtige Frage: Welche Eigenschaften und Herausforderungen zeigt eine Gruppe eingewanderter Gründer innerhalb des deutschen Startup-Ökosystems?

Die nächste Forschungsstufe müsste eine schwierigere Frage stellen: Wer bekommt in Deutschland tatsächlich die Chance, Unternehmer zu werden, wer nutzt sie, wer scheitert und warum?

Dann müsste der Blick tiefer gehen. Herkunftsregionen müssten bei ausreichender Stichprobengröße differenziert werden. Geschlecht und Migrationsweg müssten berücksichtigt werden. Aufenthaltsdauer, Bildungsbiografie und sozioökonomische Ausgangslage gehörten ebenso dazu wie Kapitalzugang und Branche. Religion könnte bei einer sauber definierten Chancengleichheitsfrage freiwillig erhoben werden, ohne jemals aus Nationalität oder Namen abgeleitet zu werden. Und vor allem müsste nicht nur auf die erfolgreichen Gründer geschaut werden, sondern auf diejenigen, deren Unternehmen nach zwei, fünf oder sieben Jahren nicht mehr existieren.

Parallel müsste die klassische Selbstständigkeit berücksichtigt werden. Denn Unternehmertum beginnt nicht beim Venture Capital und endet nicht beim Unicorn.

Erst dann ließe sich untersuchen, ob bestimmte Gruppen häufiger gründen, besser wachsen, schneller scheitern oder strukturell schlechtere Chancen erhalten. Erst dann könnte man zwischen einem syrischen Geflüchteten, einer türkischen Akademikerin der zweiten Generation, einem ukrainischen Unternehmer, einem französischen Softwareentwickler und einem indischen Ingenieur analytisch sinnvoll unterscheiden.

Bis dahin sollte der Migrant Founders Monitor genau für das gelesen werden, was er ist: eine interessante und in mehreren Punkten wertvolle Bestandsaufnahme eines kleinen, innovationsorientierten Ausschnitts des deutschen Unternehmertums.

Seine Ergebnisse sind ein Argument gegen pauschale Abwertung eingewanderter Unternehmer. Sie sind zugleich kein Freibrief für die pauschale Behauptung, Migration sei automatisch ein Wachstumsmotor.

Die wirtschaftlich relevante Erkenntnis liegt zwischen diesen beiden Extremen. Deutschland verfügt offensichtlich über eingewanderte Gründer, die hochqualifizierte, international ausgerichtete und teilweise außergewöhnlich erfolgreiche Unternehmen aufbauen. Gleichzeitig wissen wir aus dieser Studie noch erstaunlich wenig darüber, welche eingewanderten Menschen diese Chancen erreichen, welche nicht, warum Unterschiede entstehen und wie viele Unternehmen auf dem Weg dorthin scheitern.

Genau diese Fragen zu beantworten wäre keine migrationsfreundliche oder migrationskritische Forschung.

Es wäre schlicht bessere Forschung.

Redaktion Steuerberatung
Redaktion Steuerberatung
Redaktion Steuerberatung analysiert Entwicklungen aus den Bereichen Steuerberatung, Kanzleientwicklung, Digitalisierung, Regulierung und wirtschaftlicher Strukturwandel. Der Fokus liegt auf langfristigen Veränderungen innerhalb der Steuerberaterbranche sowie deren Auswirkungen auf Unternehmen und Mittelstand.

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