Über den Wirtschaftsstandort Deutschland wird derzeit überwiegend in Kategorien wie schwaches Wachstum, Bürokratie, Energiepreise, Fachkräftemangel und Investitionsschwäche gesprochen. Vieles davon ist sachlich begründet. Das Gesamtbild wird jedoch unvollständig, wenn ein anderer Teil der wirtschaftlichen Realität ausgeblendet wird: Deutschland bringt inzwischen eine bemerkenswert große Zahl hoch bewerteter Technologieunternehmen hervor.
Nach dem aktuellen Hurun German Unicorn Index und der inzwischen hinzugekommenen Milliardenbewertung des Berliner Fintechs Moss zählt Deutschland 39 Unicorns mit einer gemeinsamen Bewertung von rund 120 Milliarden Euro. Damit liegt die Bundesrepublik nach dieser Zählweise international auf Rang fünf. Das ist zunächst nur eine Momentaufnahme. Interessanter ist die Entwicklung dahinter.
Der Startup-Verband kam mit eigener Methodik am 7. Juli 2026 noch auf 36 deutsche Unicorns. Ende 2020 waren es lediglich elf gewesen. Seit Anfang 2026 waren nach dieser Zählung sechs neue Milliardenunternehmen hinzugekommen. Dass verschiedene Datenbanken aktuell auf unterschiedliche Zahlen kommen, ist kein Widerspruch, sondern typisch für Unicorn-Statistiken. Bewertungszeitpunkte, Hauptsitz, Börsengänge, Übernahmen und die Frage, welche Finanzierungsrunde als belastbarer Bewertungsnachweis akzeptiert wird, führen regelmäßig zu Abweichungen.
Fest steht dagegen die Richtung: Deutschland hat innerhalb weniger Jahre eine deutlich breitere Gruppe privat finanzierter Technologieunternehmen mit Milliardenbewertung hervorgebracht.
Zuletzt stieg Moss in diesen Kreis auf. Das 2019 gegründete Berliner Fintech sammelte in einer Series-C-Finanzierung 30 Millionen Euro ein und erreichte dabei eine Unternehmensbewertung von einer Milliarde Euro. Das Unternehmen entwickelt Software für Firmenkreditkarten, Ausgabenmanagement und zunehmend KI-gestützte Finanzprozesse.
Quellen: Startup-Verband: Next Generation Report H1 2026 · VentureCapital Magazin: Private Equity Flash ·
Ein Unicorn ist noch kein erfolgreiches Großunternehmen
Die positive Entwicklung sollte nicht mit wirtschaftlichem Erfolg gleichgesetzt werden. Als Unicorn gilt üblicherweise ein privat gehaltenes Unternehmen, dessen Bewertung mindestens eine Milliarde US-Dollar beträgt. Diese Bewertung entsteht typischerweise im Rahmen einer Finanzierungsrunde und ist kein Börsenkurs.
Eine Milliardenbewertung bedeutet daher weder, dass ein Unternehmen eine Milliarde Euro Umsatz erzielt, noch dass es profitabel arbeitet oder bei einem späteren Verkauf tatsächlich einen entsprechenden Preis erzielen würde. Bewertungen können steigen, stagnieren oder bei späteren Finanzierungen wieder deutlich sinken.
Unternehmen verlassen Unicorn-Listen außerdem nach einem Börsengang, einer Übernahme oder aufgrund veränderter Klassifizierungen. Auch der Unternehmenssitz ist keineswegs trivial. Ein Unternehmen kann in Deutschland gegründet worden sein, seine wichtigsten Gründer können aus anderen Staaten stammen und der rechtliche Hauptsitz kann später in ein anderes Land verlagert werden.
Das erklärt, weshalb internationale Datenbanken voneinander abweichen. Der auf Daten von CB Insights basierende internationale Vergleich weist für den einheitlichen Datenstand 2025 beispielsweise 32 aktive Unicorns mit deutschem Hauptsitz aus. Die aktuelle nationale Zählung kommt dagegen bereits auf 39.
Für die langfristige Bewertung des Standorts ist deshalb weniger relevant, ob Deutschland an einem bestimmten Stichtag 36, 38 oder 39 Unicorns zählt. Entscheidend ist, ob kontinuierlich neue Unternehmen entstehen, Finanzierungen erhalten und anschließend international skalieren.
Genau dort wird die Entwicklung interessant.
Nicht nur Unicorns: 3.053 neue Startups in sechs Monaten
Die Zahl der Milliardenunternehmen wäre wesentlich weniger aussagekräftig, wenn darunter keine neue Gründungsdynamik entstünde. Doch genau das Gegenteil ist derzeit zu beobachten.
Im ersten Halbjahr 2026 wurden nach der Auswertung des Startup-Verbands und von startupdetector 3.053 neue Startups in Deutschland gegründet. Gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 entspricht das einem Anstieg von 52 Prozent. Innerhalb von sechs Monaten entstanden damit mehr Startups als im gesamten Jahr 2024.
Künstliche Intelligenz spielt bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Entwicklungszeiten sinken, Software lässt sich mit kleineren Teams erstellen und für neue Geschäftsmodelle sind teilweise geringere Anfangsinvestitionen erforderlich. Gleichzeitig entstehen rund um KI, Robotik, Energie, Defence, Biotechnologie und industrielle Digitalisierung neue Märkte.
Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung beim Wagniskapital.
Deutsche Startups erhielten im zweiten Quartal 2026 nach KfW Research rund 3,4 Milliarden Euro Venture Capital. Das waren etwa 1,8 Milliarden Euro mehr als im ersten Quartal und rund eine Milliarde Euro mehr als im zweiten Quartal des Vorjahres. Damit erreichte der deutsche VC-Markt sein stärkstes Quartal seit dem zweiten Quartal 2022.
Die Zahl braucht allerdings eine zweite Perspektive. Sieben Finanzierungsrunden von jeweils mehr als 100 Millionen Euro dominierten das Quartal. Insgesamt registrierte die KfW lediglich 86 Transaktionen mit mindestens einer Million Euro Volumen. Scaleups erhielten 72 Prozent des investierten Kapitals.
Das ist einerseits positiv: Deutschland besitzt inzwischen Unternehmen, die international konkurrenzfähige dreistellige Millionenfinanzierungen einwerben können. Andererseits konzentriert sich das Kapital stärker auf wenige Unternehmen.
Der deutsche VC-Markt wird damit größer an der Spitze, ohne bereits dieselbe Breite wie die führenden internationalen Ökosysteme erreicht zu haben.
Quellen: Startup-Verband: Next Generation H1 2026 ·
Deutschlands vielleicht interessantester Fortschritt: Die Unicorns werden technologischer
Noch interessanter als die Zahl 39 ist deshalb die Zusammensetzung der neuen Generation.
Die erste große europäische Startup-Welle war stark von E-Commerce, Plattformgeschäft, Lieferdiensten, Software und Fintech geprägt. Diese Geschäftsmodelle bleiben bedeutend. Gleichzeitig entwickelt Deutschland inzwischen eine zweite Ebene, die wesentlich stärker an den klassischen technologischen Stärken des Landes anknüpft.
Dazu gehören künstliche Intelligenz, Robotik, Verteidigungstechnologie, Raumfahrt, industrielle Software, Biotechnologie, Energie und Kernfusion.
Symbolisch dafür steht Proxima Fusion.
Das Münchner Unternehmen sammelte im Juli 2026 411 Millionen Euro ein. Die Finanzierungsrunde bewertet das Unternehmen mit 2,4 Milliarden Euro. Zu den strategischen Investoren gehören Google und RWE. Gleichzeitig sind unter anderem KfW Capital, SPRIND und Bayern Kapital beteiligt.
Proxima ist zudem kein typisches Internet-Startup. Das Unternehmen entstand als erste Ausgründung aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik und entwickelt kommerzielle Fusionskraftwerke auf Basis des Stellarator-Prinzips. Die technologische Grundlage baut auf jahrzehntelanger deutscher und europäischer Plasmaforschung auf.
Hier zeigt sich eine Standortstärke, die in allgemeinen Wettbewerbsrankings nur eingeschränkt sichtbar wird.
Deutschland besitzt Hochschulen, Max-Planck-Institute, Fraunhofer-Institute, Helmholtz-Zentren, Maschinenbauer, Automatisierungsunternehmen, Chemiekonzerne, Fahrzeughersteller, Energieunternehmen und hoch spezialisierte mittelständische Zulieferer. Für industrielle Deeptech-Gründungen kann dieses Umfeld wichtiger sein als ein besonders günstiges Gewerbeamt.
Ein Unternehmen, das industrielle KI, Robotik, neue Werkstoffe, Raumfahrttechnik oder Energietechnologie entwickelt, benötigt nicht nur Entwickler und Venture Capital. Es benötigt Pilotkunden, Testanlagen, Ingenieure, Produktionspartner, Zulieferer und industrielle Erfahrung.
Genau darin kann Deutschland eine eigene Startup-Identität entwickeln, anstatt zu versuchen, Silicon Valley zu kopieren.
Wie stark ist Deutschland wirklich? Der Vergleich mit Europa
Absolute Unicorn-Zahlen bevorzugen große Volkswirtschaften. Deutschland mit mehr als 80 Millionen Einwohnern verfügt naturgemäß über einen größeren Talentpool, mehr Hochschulen, mehr Unternehmen und einen größeren Heimatmarkt als Estland, Irland oder Finnland.
Deshalb ist die Zahl der Unicorns je Einwohner eine interessante zweite Kennzahl.
Dabei ist methodische Konsequenz notwendig. Deutschlands aktuelle Zahl von 39 darf nicht einfach mit beliebigen aktuellen nationalen Angaben aus anderen Ländern kombiniert werden. Die Datenbanken verwenden unterschiedliche Stichtage und Definitionen.
Für den europäischen Vergleich verwenden wir deshalb für alle Staaten denselben Unicorn-Datenbestand für 2025, basierend auf den internationalen CB-Insights-Daten. Deutschland wird in dieser harmonisierten Statistik mit 32 Unicorns erfasst. Die Bevölkerung basiert auf den UN World Population Prospects für 2026.
Die Türkei wird ergänzend aufgenommen. In der geografischen Systematik der Vereinten Nationen wird sie Westasien zugerechnet. Aufgrund ihrer engen wirtschaftlichen Verflechtung mit Europa und ihrer Bedeutung als europäisch orientierter Startup-Markt ist sie für diesen Vergleich dennoch relevant.
Unicorns in Europa im Verhältnis zur Bevölkerung
| Land | Unicorns 2025* | Einwohner 2026 | Unicorns je 1 Mio. Einwohner |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 55 | 69,93 Mio. | 0,79 |
| Deutschland | 32 | 83,64 Mio. | 0,38 |
| Frankreich | 29 | 66,75 Mio. | 0,43 |
| Niederlande | 9 | 18,45 Mio. | 0,49 |
| Irland | 9 | 5,36 Mio. | 1,68 |
| Schweden | 6 | 10,70 Mio. | 0,56 |
| Schweiz | 6 | 9,01 Mio. | 0,67 |
| Spanien | 5 | 47,85 Mio. | 0,10 |
| Norwegen | 5 | 5,65 Mio. | 0,88 |
| Finnland | 4 | 5,62 Mio. | 0,71 |
| Italien | 3 | 58,93 Mio. | 0,05 |
| Belgien | 3 | 11,77 Mio. | 0,25 |
| Griechenland | 2 | 9,90 Mio. | 0,20 |
| Österreich | 2 | 9,11 Mio. | 0,22 |
| Dänemark | 2 | 6,02 Mio. | 0,33 |
| Kroatien | 2 | 3,82 Mio. | 0,52 |
| Litauen | 2 | 2,80 Mio. | 0,71 |
| Estland | 2 | 1,33 Mio. | 1,50 |
| Türkei | 1 | 87,93 Mio. | 0,01 |
| Tschechien | 1 | 10,53 Mio. | 0,09 |
| Portugal | 1 | 10,40 Mio. | 0,10 |
| Luxemburg | 1 | 0,69 Mio. | 1,45 |
| Malta | 1 | 0,55 Mio. | 1,82 |
| Liechtenstein | 1 | 0,040 Mio. | 24,77 |
| Russland | 0 | 143,39 Mio. | 0,00 |
| Ukraine | 0 | 39,54 Mio. | 0,00 |
| Polen | 0 | 37,84 Mio. | 0,00 |
| Rumänien | 0 | 18,80 Mio. | 0,00 |
| Ungarn | 0 | 9,59 Mio. | 0,00 |
| Belarus | 0 | 8,94 Mio. | 0,00 |
| Bulgarien | 0 | 6,67 Mio. | 0,00 |
| Serbien | 0 | 6,64 Mio. | 0,00 |
| Slowakei | 0 | 5,45 Mio. | 0,00 |
| Bosnien und Herzegowina | 0 | 3,11 Mio. | 0,00 |
| Moldau | 0 | 2,96 Mio. | 0,00 |
| Albanien | 0 | 2,75 Mio. | 0,00 |
| Slowenien | 0 | 2,11 Mio. | 0,00 |
| Lettland | 0 | 1,84 Mio. | 0,00 |
| Nordmazedonien | 0 | 1,80 Mio. | 0,00 |
| Montenegro | 0 | 0,63 Mio. | 0,00 |
| Island | 0 | 0,40 Mio. | 0,00 |
| Andorra | 0 | 0,084 Mio. | 0,00 |
| Monaco | 0 | 0,038 Mio. | 0,00 |
| San Marino | 0 | 0,034 Mio. | 0,00 |
| Vatikanstadt | 0 | 506 | 0,00 |
*Einheitlicher internationaler Datenstand 2025. Als Unicorn gilt ein privat gehaltenes Unternehmen mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar. Die Zuordnung erfolgt nach Unternehmenshauptsitz. Die Türkei wurde ergänzend aufgenommen, obwohl sie in der geografischen UN-Systematik Westasien zugerechnet wird. Einwohnerzahlen auf Basis der UN World Population Prospects 2024, Projektion für 2026.
Quellen: · UN World Population Prospects
Die Pro-Kopf-Perspektive verändert das Bild
Die Tabelle relativiert Deutschlands starke absolute Position, ohne sie infrage zu stellen.
Das Vereinigte Königreich bleibt mit 55 Unicorns Europas stärkster Standort und erreicht auch pro Kopf mit etwa 0,79 Unicorns je Million Einwohner einen deutlich höheren Wert als Deutschland. Frankreich liegt absolut knapp hinter Deutschland und pro Kopf mit 0,43 etwas vor der Bundesrepublik.
Auffällig sind kleinere Ökosysteme.
Irland erreicht rechnerisch 1,68 Unicorns je Million Einwohner, Estland 1,50, Norwegen 0,88 und Finnland sowie Litauen jeweils rund 0,71. Diese Staaten haben relativ zu ihrer Bevölkerung ausgesprochen leistungsfähige Startup-Ökosysteme aufgebaut.
Extremwerte kleiner Staaten müssen dagegen mit Vorsicht interpretiert werden. Liechtensteins einziges Unicorn erzeugt bei nur rund 40.000 Einwohnern rechnerisch fast 25 Unicorns je eine Million Einwohner. Daraus kann kaum geschlossen werden, dass das Land ein 65-mal leistungsfähigeres Startup-System als Deutschland besitzt.
Auch die Türkei zeigt, weshalb absolute Größe allein wenig aussagt. Mit rund 88 Millionen Einwohnern und einem Unicorn im harmonisierten Datensatz erreicht sie lediglich rund 0,01 Unicorns je Million Einwohner. Trotz eines großen Binnenmarktes hat sich dort bislang deutlich weniger privates Milliarden-Scaleup-Kapital konzentriert als in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien.
Deutschland erreicht im vergleichbaren Datensatz 0,38 Unicorns je Million Einwohner. Rechnet man ausschließlich die inzwischen aktuelle deutsche Zahl von 39 Unicorns gegen die Bevölkerung 2026, läge die Quote bereits bei rund 0,47.
Dieser Wert darf methodisch nicht direkt in das 2025er Ranking eingesetzt werden. Er zeigt aber, wie schnell sich die deutsche Position derzeit verändert.
Migrant Founders sind bei deutschen Unicorns deutlich überrepräsentiert
Bei der Recherche fällt ein weiterer Befund auf, der für die Standortdebatte wesentlich relevanter ist als eine allgemeine Diskussion über Herkunft.
Der Migrant Founders Monitor 2025 des Startup-Verbands und der Friedrich-Naumann-Stiftung untersucht Gründer, die nicht in Deutschland geboren wurden.
Insgesamt sind rund 14 Prozent der Startup-Gründer in Deutschland im Ausland geboren. Unter den untersuchten Unicorn-Gründern beträgt der Anteil dagegen 23 Prozent.
Noch deutlicher wird der Unterschied auf Unternehmensebene: 52 Prozent der untersuchten deutschen Unicorn-Startups haben mindestens einen im Ausland geborenen Gründer im Gründungsteam.
Die Daten beziehen sich auf eine eigene Auswertung des Startup-Verbands mit Stand April 2025. Deshalb wäre es methodisch falsch, daraus abzuleiten, dass beispielsweise 20 der heutigen 39 Unicorns von Migranten gegründet wurden. Die Grundtendenz ist aber eindeutig: International zugewanderte Gründer sind unter den besonders erfolgreichen deutschen Startups deutlich stärker vertreten als unter Startup-Gründern insgesamt.
Auch das Qualifikationsprofil ist bemerkenswert. 91 Prozent der untersuchten Migrant Founders verfügen über einen Hochschulabschluss. 56 Prozent haben einen Abschluss in einem MINT-Fach. Bei den Gründern insgesamt liegt der MINT-Anteil bei 47 Prozent.
Das ist für die deutsche Standortpolitik keine gesellschaftspolitische Randnotiz, sondern eine wirtschaftliche Kennzahl.
Deeptech, künstliche Intelligenz, Robotik, Biotechnologie, Quantencomputing und industrielle Software konkurrieren international um eine begrenzte Zahl hoch qualifizierter Forscher, Entwickler und Unternehmer. Wenn mehr als die Hälfte der untersuchten deutschen Unicorns mindestens einen im Ausland geborenen Gründer im Gründungsteam besitzt, wird die Fähigkeit, internationale Talente anzuziehen, unmittelbar zu Innovationspolitik.
Deutschland profitiert dabei offensichtlich von seiner Rolle als Hochschul- und Forschungsstandort. Gleichzeitig zeigt die Studie Verbesserungspotenzial. Nur 46 Prozent der Migrant Founders bewerten ihr Netzwerk in Deutschland positiv. Bei den Gründern insgesamt sind es 57 Prozent. Die internationalen Netzwerke der Migrant Founders werden dagegen häufiger positiv bewertet.
Deutschland gewinnt also hoch qualifizierte Gründer, bindet sie aber offenbar noch nicht überall optimal in das heimische Wirtschafts- und Investorennetzwerk ein.
Warum Deutschlands Startup-Standort stärker ist, als die allgemeine Standortdebatte vermuten lässt
Der Erfolg der deutschen Startups entsteht nicht einfach trotz aller Standortbedingungen. Ein Teil entsteht gerade aufgrund vorhandener deutscher Strukturen.
Deutschland besitzt eine außergewöhnlich dichte Forschungslandschaft. Universitäten, technische Hochschulen, Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und spezialisierte Institute produzieren technologisches Wissen, das sich grundsätzlich kommerzialisieren lässt.
Hinzu kommt eine industrielle Struktur, die insbesondere für B2B- und Deeptech-Startups entscheidend sein kann.
Wer Software für Produktionsanlagen entwickelt, benötigt Unternehmen, die diese Software testen. Wer Robotik entwickelt, braucht Maschinenbauer, Sensoranbieter und Produktionsumgebungen. Wer neue Energiesysteme entwickelt, benötigt Netzbetreiber, Kraftwerksunternehmen und Industriepartner. Wer neue Werkstoffe oder industrielle Verfahren entwickelt, benötigt reale Produktionsanlagen.
In diesen Bereichen besitzt Deutschland weiterhin enorme Substanz.
Proxima Fusion macht diese Logik sichtbar. Wissenschaftliches Know-how aus dem Max-Planck-Institut trifft auf internationales Venture Capital, RWE als Industriepartner, Google als strategischen Investor sowie KfW Capital, SPRIND und Bayern Kapital als öffentliche beziehungsweise öffentlich unterstützte Kapitalgeber.
Genau eine solche Verbindung aus Forschung, privatem Kapital, Mittelstand, Konzernen und öffentlicher Innovationsfinanzierung könnte zu einem deutschen Wettbewerbsvorteil werden.
Die relevante Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland das nächste Silicon Valley werden kann.
Es sollte vielmehr darum gehen, dort Weltklasseunternehmen hervorzubringen, wo bereits eine technologische und industrielle Basis vorhanden ist.
Die Schwachstelle liegt weiterhin beim Skalieren
Die 39 Unicorns lösen Deutschlands strukturelle Probleme allerdings nicht.
Gerade die KfW-Daten zeigen den Widerspruch. Das zweite Quartal 2026 war beim investierten Venture Capital das stärkste seit vier Jahren. Gleichzeitig konzentrierte sich ein sehr großer Teil der 3,4 Milliarden Euro auf wenige Megadeals.
Deutschland produziert zunehmend Unternehmen, die mehrere hundert Millionen Euro Kapital benötigen. Genau bei solchen Finanzierungsgrößen steigt jedoch die Abhängigkeit von internationalen Fonds.
Das ist nicht grundsätzlich negativ. Internationale Investoren bringen Kapital, Erfahrung, Netzwerke und Zugang zu globalen Märkten. Problematisch wird es, wenn europäische institutionelle Investoren bei den größten Wachstumsrunden strukturell nur eine Nebenrolle spielen.
Dann entsteht ein bekanntes Muster: Forschung und frühe Entwicklung finden in Deutschland statt, die Wachstumsphase wird zunehmend mit amerikanischem oder asiatischem Kapital finanziert und ein späterer Börsengang erfolgt gegebenenfalls ebenfalls außerhalb Europas.
39 Unicorns sind deshalb nicht das Ende der Entwicklung. Sie markieren eher den Punkt, an dem die nächste Herausforderung beginnt.
Deutschland muss aus Unicorns Unternehmen mit Milliardenumsätzen machen.
Dafür sind größere europäische Wachstumsfonds, mehr institutionelles Kapital, funktionierende Exit-Märkte, attraktivere Börsenbedingungen und ein tatsächlich integrierter europäischer Kapitalmarkt notwendig.
Auch die Bundesregierung hat das Problem inzwischen stärker im Blick
Im Juli 2026 stellte die Bundesregierung ihre neue Startup- und Scaleup-Strategie vor. Rund 150 Maßnahmen sollen die Rahmenbedingungen verbessern. Anders als frühere Ansätze richtet sich ein größerer Teil ausdrücklich an Scaleups und damit an Unternehmen, die die Gründungsphase bereits erfolgreich verlassen haben.
Das ist folgerichtig.
Deutschland scheint derzeit weniger ein Gründungsproblem als ein Skalierungsproblem zu haben. Mehr als 3.000 neue Startups innerhalb eines Halbjahres sprechen jedenfalls nicht für mangelnde Gründungsaktivität.
Die entscheidenden Fragen beginnen später: Wie bekommt ein Unternehmen 50 Millionen Euro, 200 Millionen Euro oder eine Milliarde Euro Wachstumskapital? Wo findet es die benötigten Fachkräfte? Wie schnell erhält es Genehmigungen? Kann es Mitarbeiter international beteiligen? Gibt es genügend große Kunden, die jungen Unternehmen eine Chance geben? Und bleibt der Unternehmenssitz auch nach mehreren internationalen Finanzierungsrunden in Deutschland?
Ein Startup-Standort sollte deshalb nicht danach bewertet werden, wie viele Gewerbeanmeldungen entstehen. Entscheidend ist, wie viele Unternehmen zehn Jahre später noch existieren, international tätig sind, Patente besitzen, Steuern zahlen und tausende Beschäftigte aufgebaut haben.
Die 39 Unicorns sind kein Beweis, dass in Deutschland alles funktioniert
Deutschland hat reale Standortprobleme. Bürokratische Verfahren sind teilweise langsam, Wachstumskapital ist im internationalen Vergleich begrenzt, Energie ist für viele Unternehmen teuer, Fachkräfte fehlen und ein fragmentierter europäischer Kapitalmarkt erschwert die Finanzierung.
Diese Probleme werden durch 39 Unicorns nicht kleiner.
Aber ebenso wenig sollte man aus diesen Problemen ableiten, Deutschland könne keine international wettbewerbsfähigen Technologieunternehmen mehr hervorbringen.
39 Unicorns, mehr als 3.000 Startup-Neugründungen innerhalb eines Halbjahres und 3,4 Milliarden Euro Venture Capital innerhalb eines Quartals sind reale wirtschaftliche Daten. Sie passen nicht zu einem pauschalen Niedergangsnarrativ.
Besonders relevant ist die Zusammensetzung der neuen Generation. Deutschland produziert nicht ausschließlich weitere Lieferplattformen oder Vergleichsportale. Kapital fließt zunehmend in künstliche Intelligenz, Robotik, Verteidigung, Raumfahrt, Biotechnologie, Energie und industrielle Technologien.
Gleichzeitig zeigt der hohe Anteil internationaler Gründer bei deutschen Unicorns, dass Deutschlands Innovationsfähigkeit längst nicht mehr ausschließlich aus dem eigenen demografischen Potenzial entsteht. Forschung, Hochschulen und ein großer Industriemarkt machen das Land auch für internationale Unternehmer attraktiv.
Das ist eine Standortstärke.
Sie sollte genauso nüchtern benannt werden wie Deutschlands Schwächen.
Die entscheidende Frage der kommenden Jahre lautet deshalb nicht, ob Deutschland Startups hervorbringen kann. Die Zahlen beantworten diese Frage inzwischen ziemlich eindeutig.
Die schwierigere Aufgabe beginnt danach: Kann Deutschland aus seinen Startups globale Unternehmen machen und einen relevanten Teil dieser Wertschöpfung langfristig im Land halten?
39 Unicorns sind dafür noch kein Erfolgsausweis.
Aber sie sind ein deutlich besserer Ausgangspunkt, als es die derzeitige Diskussion über den Wirtschaftsstandort häufig vermuten lässt.

