Steht die Steuerberatervergütungsverordnung vor ihrem „Uber-Moment“? Warum die eigentliche Debatte nicht über KI, sondern über Preisbildung geführt werden muss

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Die Branche diskutiert über künstliche Intelligenz – der Markt diskutiert längst über etwas anderes

Kaum ein Vortrag, kaum eine Fachveranstaltung und kaum ein Branchenevent kommt derzeit ohne künstliche Intelligenz aus. Steuerberater diskutieren über automatisierte Buchhaltung, intelligente Belegerkennung, KI-gestützte Auswertungen und digitale Assistenten. Die Diskussion ist nachvollziehbar, schließlich verändern diese Technologien die tägliche Arbeit bereits heute spürbar.

Dennoch entsteht bei vielen dieser Debatten ein merkwürdiger Eindruck. Die Branche spricht über Werkzeuge, während sich die eigentliche wirtschaftliche Frage an anderer Stelle entwickelt. Historisch betrachtet haben technologische Umbrüche selten deshalb ganze Branchen verändert, weil neue Technologien eingeführt wurden. Branchen veränderten sich, weil neue Technologien bestehende Preislogiken infrage stellten.

Genau dieser Punkt wird in der Steuerberatung bislang erstaunlich selten diskutiert. Die spannende Frage lautet nicht, ob künstliche Intelligenz Steuerberater ersetzt. Die spannendere Frage lautet, was mit einem Vergütungssystem passiert, wenn dieselbe Leistung künftig mit deutlich geringerem Ressourceneinsatz erbracht werden kann.

Diese Diskussion ist unbequem. Sie berührt nicht Software, sondern Geschäftsmodelle. Sie betrifft nicht Technik, sondern Wertschöpfung. Und sie könnte für die Zukunft vieler Kanzleien wichtiger werden als jede einzelne KI-Anwendung.

Die StBVV basiert nicht auf Zeit – aber Zeit spielte immer eine zentrale Rolle

An dieser Stelle lohnt sich eine fachliche Präzisierung. Häufig wird behauptet, die Steuerberatervergütungsverordnung basiere vollständig auf Zeitaufwand. Das ist nicht korrekt.

Die StBVV kennt Gegenstandswerte, Rahmengebühren, Wertgebühren und Zeitgebühren. Die Vergütung orientiert sich je nach Leistung an unterschiedlichen Bemessungsgrundlagen. Ein Jahresabschluss wird anders vergütet als eine Gestaltungsberatung. Eine Einkommensteuererklärung folgt anderen Regeln als eine betriebswirtschaftliche Sonderauswertung.

Trotzdem wäre es falsch, daraus abzuleiten, dass Produktivität keine Rolle spielt. Denn unabhängig von der konkreten Gebührennorm lag der wirtschaftlichen Kalkulation von Kanzleien über Jahrzehnte ein ähnlicher Gedanke zugrunde. Die wichtigste knappe Ressource war qualifizierte Arbeitszeit.

Eine Kanzlei konnte nur so viele Mandate bearbeiten, wie ihre Mitarbeiter fachlich bewältigen konnten. Wachstum bedeutete deshalb fast zwangsläufig mehr Personal. Die Ertragskraft einer Kanzlei hing eng mit der verfügbaren Kapazität zusammen. Genau dieses Verhältnis beginnt sich derzeit zu verändern.

Wenn Buchhaltungssysteme Belege automatisch erkennen, Zahlungsströme zuordnen und Plausibilitäten prüfen, reduziert sich nicht automatisch die Vergütung. Sehr wohl verändert sich jedoch die Produktivität der Leistungserbringung. Und genau dort beginnt die ökonomisch interessante Diskussion.

Die Produktivitätsrevolution hat längst begonnen

Viele Steuerberater betrachten künstliche Intelligenz noch als Zukunftsthema. In der Praxis ist die Produktivitätsveränderung bereits sichtbar.

Noch vor wenigen Jahren wurden Eingangsrechnungen häufig manuell geprüft, kontiert und erfasst. Heute erkennen moderne Systeme Lieferanten, Beträge, Umsatzsteuersätze und Buchungsvorschläge automatisiert. Bankumsätze werden in vielen Unternehmen automatisiert verarbeitet. Digitale Rechnungsworkflows reduzieren manuelle Bearbeitungsschritte erheblich.

Die Zahlen variieren je nach Kanzlei und Mandantenstruktur. In der Praxis berichten viele Kanzleien jedoch bereits heute von erheblichen Zeitersparnissen bei standardisierten Tätigkeiten. Tätigkeiten, die früher mehrere Minuten pro Vorgang beanspruchten, werden teilweise in Sekunden verarbeitet. Bei tausenden Buchungssätzen pro Monat entstehen daraus erhebliche Produktivitätsgewinne.

Interessanterweise führt diese Entwicklung bislang nicht zu einer Krise der Branche. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Kanzleien arbeiten profitabler als noch vor einigen Jahren. Der Fachkräftemangel sorgt gleichzeitig dafür, dass frei werdende Kapazitäten häufig unmittelbar wieder ausgelastet werden.

Genau deshalb wird die eigentliche Debatte häufig übersehen. Die Frage lautet nicht, ob Produktivität steigt. Die Frage lautet, wem diese Produktivität langfristig zugutekommt.

Die eigentliche Konkurrenz kommt nicht von OpenAI

An dieser Stelle wird die Diskussion besonders interessant. Viele Steuerberater betrachten KI-Anbieter als größte Bedrohung. Diese Sichtweise greift vermutlich zu kurz.

Die größere Herausforderung entsteht möglicherweise dort, wo Mandanten beginnen, Leistungen anders zu bewerten.

Ein Unternehmer akzeptiert ein Honorar häufig deshalb, weil er den dahinterstehenden Aufwand nachvollziehen kann. Sobald sich jedoch die Wahrnehmung durchsetzt, dass zahlreiche Standardprozesse weitgehend automatisiert ablaufen, verändert sich zwangsläufig die Erwartungshaltung. Mandanten stellen dann nicht mehr die Frage, wie viel Aufwand hinter einer Leistung steckt. Sie fragen, welchen konkreten Nutzen die Leistung erzeugt.

Das klingt zunächst nach einem sprachlichen Unterschied. Tatsächlich handelt es sich um einen fundamentalen Perspektivwechsel.

Die Branche hat über Jahrzehnte hinweg ihre Leistungen häufig über Komplexität, Fachwissen und Bearbeitungsaufwand erklärt. Künftig könnte stärker der wirtschaftliche Nutzen in den Mittelpunkt rücken. Genau dieser Wandel hat bereits zahlreiche andere wissensintensive Branchen verändert.

Warum der Uber-Vergleich gleichzeitig richtig und falsch ist

Der Begriff „Uber-Moment“ eignet sich als Metapher, wird aber häufig missverstanden.

Natürlich ist Steuerberatung kein Taxigeschäft. Die regulatorischen Anforderungen sind höher, die Haftungsrisiken erheblich und die Leistungen deutlich komplexer. Steuerberatung ist ein Vertrauensgut. Mandanten können die Qualität einer Leistung oft erst Jahre später beurteilen. Schon deshalb verbietet sich ein direkter Vergleich.

Trotzdem lohnt sich der Blick auf die ökonomische Mechanik hinter solchen Marktveränderungen. Uber hat das Autofahren nicht erfunden. Die Plattform hat vielmehr sichtbar gemacht, wie Preise, Verfügbarkeit und Leistungen miteinander verglichen werden können. Die eigentliche Veränderung lag nicht in der Technologie, sondern in der Transparenz.

Genau an diesem Punkt könnte eine Parallele zur Steuerberatung entstehen. Je stärker Standardprozesse automatisiert werden, desto stärker verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf die Frage, welchen Mehrwert eine Kanzlei über diese Standardprozesse hinaus bietet.

Kanzleien werden deshalb nicht durch Software verdrängt. Sie geraten unter Druck, wenn ihre Wertschöpfung nicht klar genug von standardisierten Leistungen unterscheidbar ist.

Die Gegenposition verdient Beachtung

An dieser Stelle lohnt sich ein Einwand.

Vielleicht wird die gesamte Diskussion überschätzt.

Schließlich hat die Steuerberatung bereits mehrere Digitalisierungswellen erlebt. Papierlose Buchhaltung, digitale Belege, Cloud-Lösungen und Automatisierung wurden ebenfalls als revolutionär angekündigt. Trotzdem existieren die meisten Kanzleien weiterhin erfolgreich.

Diese Beobachtung ist berechtigt. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass Steuerberatung langfristig ein personalintensives Vertrauensgeschäft bleibt. Steuerrecht wird nicht einfacher. Unternehmensstrukturen werden komplexer. Haftungsrisiken steigen. Die Nachfrage nach qualifizierter Beratung dürfte daher kaum verschwinden.

Genau deshalb liegt die größte Veränderung vermutlich nicht im Wegfall von Steuerberatern. Die größere Veränderung liegt in der Verschiebung ihrer Wertschöpfung.

Wer Steuerberatung ausschließlich als Deklarationsgeschäft versteht, wird die kommenden Jahre anders erleben als Kanzleien, die sich als Risiko- und Strukturberater positionieren.

Die eigentliche Gewinnerfrage wird heute entschieden

Viele Kanzleien betrachten KI als Effizienzprojekt. Das ist nachvollziehbar, greift aber zu kurz.

Effizienz allein erzeugt noch keinen Wettbewerbsvorteil. Wenn alle Marktteilnehmer dieselben Produktivitätsgewinne erzielen, verschiebt sich die Frage automatisch auf die Nutzung dieser Produktivität.

Drei strategische Konsequenzen erscheinen bereits heute erkennbar.

Erstens werden Kanzleien ihre Leistungen stärker über Ergebnisse und Nutzen erklären müssen. Mandanten interessieren sich langfristig weniger für Bearbeitungszeiten als für Risiken, Steuerbelastungen, Liquidität und unternehmerische Entscheidungen.

Zweitens dürfte die Bedeutung beratungsintensiver Leistungen steigen. Nachfolgeberatung, Restrukturierung, Unternehmensplanung, Tax Compliance und strategische Steuerplanung besitzen deutlich höhere Eintrittsbarrieren als standardisierte Deklarationsleistungen.

Drittens werden Kanzleien ihre Honorarmodelle kritisch hinterfragen müssen. Die StBVV bleibt selbstverständlich bestehen. Dennoch wird die Frage wichtiger werden, welche Leistungen tatsächlich über Gebührenordnungen abgebildet werden und welche Leistungen künftig stärker über individuelle Beratungsmodelle vergütet werden.

Die eigentliche Debatte beginnt erst

Die Diskussion über künstliche Intelligenz wird häufig so geführt, als stünde die Steuerberatung vor einer Technologieentscheidung. Tatsächlich steht sie vor einer betriebswirtschaftlichen Entscheidung.

Die entscheidende Frage lautet nicht, welche Software eingesetzt wird. Die entscheidende Frage lautet, wie Kanzleien ihren wirtschaftlichen Wert definieren, wenn Standardprozesse immer effizienter werden.

Genau deshalb könnte die Steuerberatervergütungsverordnung in den kommenden Jahren stärker unter Druck geraten, als viele Marktteilnehmer heute erwarten. Nicht weil sie fachlich überholt wäre. Nicht weil sie kurzfristig abgeschafft würde. Sondern weil die ökonomische Realität, auf der viele Honorarkalkulationen beruhen, sich schrittweise verändert.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Die Zukunft der Steuerberatung wird nicht daran entschieden, welche Kanzlei die beste KI besitzt. Die Zukunft wird daran entschieden, welche Kanzlei überzeugend erklären kann, warum ihre Leistung auch dann wertvoll bleibt, wenn ein großer Teil der technischen Arbeit längst automatisiert ist. Genau dort verläuft die eigentliche Trennlinie zwischen Produktivität und Wertschöpfung. Und genau dort beginnt die Debatte, die die Branche bislang noch weitgehend vermeidet.

Redaktion Steuerberatung
Redaktion Steuerberatung
Redaktion Steuerberatung analysiert Entwicklungen aus den Bereichen Steuerberatung, Kanzleientwicklung, Digitalisierung, Regulierung und wirtschaftlicher Strukturwandel. Der Fokus liegt auf langfristigen Veränderungen innerhalb der Steuerberaterbranche sowie deren Auswirkungen auf Unternehmen und Mittelstand.

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