SpaceX vor dem Börsengang: Vielleicht ist das größte Risiko nicht die Bewertung, sondern die Geschichte, die Investoren sich selbst erzählen

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Kaum ein Unternehmen wird gleichzeitig überschätzt und unterschätzt

Falls SpaceX tatsächlich an die Börse geht, dürfte der Börsengang zu den am intensivsten diskutierten Kapitalmarktereignissen der vergangenen Jahrzehnte gehören. Die üblichen Debatten laufen bereits heute. Die einen sehen das nächste Billionen-Dollar-Unternehmen. Die anderen sehen einen überbewerteten Technologiekonzern, dessen Marktwert von Elon Musk, Medienaufmerksamkeit und Zukunftsfantasien lebt.

Beide Sichtweisen haben ein Problem. Sie konzentrieren sich auf die Bewertung und übersehen die eigentliche Frage. SpaceX ist heute eines der wenigen Unternehmen weltweit, bei denen zunächst geklärt werden muss, was überhaupt bewertet werden soll.

Die meisten börsennotierten Unternehmen lassen sich vergleichsweise klar einordnen. Ein Automobilhersteller verkauft Fahrzeuge. Ein Softwareunternehmen verkauft Software. Ein Telekommunikationskonzern betreibt Netze. Selbst komplexe Technologiekonzerne folgen letztlich einem identifizierbaren Geschäftsmodell. Bei SpaceX verschwimmen diese Kategorien zunehmend. Das Unternehmen baut Raketen, betreibt Satelliten, verkauft Kommunikationsdienstleistungen, arbeitet für staatliche Auftraggeber und entwickelt Infrastruktur, die teilweise sicherheitsrelevant geworden ist.

Genau deshalb greifen viele klassische Analysen zu kurz. Sie versuchen, SpaceX in eine bestehende Kategorie einzuordnen, obwohl das Unternehmen möglicherweise gerade dadurch wertvoll wird, dass es in keine bestehende Kategorie mehr passt.

Die Rakete ist das sichtbarste Produkt und möglicherweise der unwichtigste Teil der Investmentthese

Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich fast vollständig auf Raketenstarts. Das ist nachvollziehbar. Raketen liefern spektakuläre Bilder, erzeugen Aufmerksamkeit und lassen sich medial vermarkten. Aus Sicht eines Investors ist die eigentliche Frage jedoch eine andere.

Wird der langfristige Unternehmenswert durch den Verkauf von Raketenstarts entstehen oder durch die Kontrolle der Infrastruktur, die durch diese Raketen überhaupt erst aufgebaut wird?

Diese Unterscheidung entscheidet über Milliarden an Bewertung.

Ein Raketenstart erzeugt Umsatz. Infrastruktur erzeugt Marktmacht. Die wirtschaftlich erfolgreichsten Unternehmen der vergangenen hundert Jahre wurden selten durch einzelne Produkte dominant. Dominant wurden sie, weil andere Marktteilnehmer ihre Infrastruktur nutzen mussten. Genau dieser Unterschied wird bei SpaceX häufig übersehen.

Starlink ist deshalb nicht einfach ein weiteres Geschäftsfeld. Starlink ist der Versuch, eine Infrastruktur aufzubauen, die unabhängig von nationalen Netzen, Glasfaserkabeln und terrestrischen Systemen funktioniert. Sollte dieser Ansatz langfristig erfolgreich sein, verändert sich die Bewertung des Unternehmens grundlegend. Dann konkurriert SpaceX nicht mehr mit Raumfahrtunternehmen. Dann konkurriert SpaceX mit Infrastrukturbetreibern.

Allerdings beginnt genau an diesem Punkt auch die Übertreibung vieler Investoren.

Die Kapitalmärkte bewerten bereits einen Erfolg, der noch gar nicht bewiesen ist

Ein erheblicher Teil der heutigen SpaceX-Erzählung basiert auf einer Annahme, die selten offen ausgesprochen wird.

Viele Investoren gehen implizit davon aus, dass Starlink langfristig eine dominante Marktstellung erreichen wird.

Diese Annahme ist plausibel.

Sie ist aber keineswegs bewiesen.

Hier lohnt sich ein Blick auf die Wirtschaftsgeschichte. Technologische Führerschaft war oft ein Vorteil. Sie war erstaunlich selten eine Garantie für dauerhafte Dominanz. Zahlreiche Unternehmen verfügten über die beste Technologie ihrer Zeit und verloren trotzdem Marktanteile, weil Regulierung, Wettbewerb oder politische Interessen die Marktstruktur veränderten.

Genau diese Gefahr wird bei SpaceX häufig unterschätzt. Die Diskussion wird oft so geführt, als würde aus technologischem Vorsprung automatisch wirtschaftliche Kontrolle entstehen. Die Realität ist komplizierter.

Je erfolgreicher Starlink wird, desto stärker wird die politische Aufmerksamkeit wachsen. Kommunikationsnetze sind keine gewöhnlichen Produkte. Sie berühren Sicherheitsinteressen, Verteidigungspolitik, Frequenzrechte und nationale Souveränität. Die Vorstellung, dass ein einzelnes Unternehmen dauerhaft eine globale Kommunikationsinfrastruktur kontrollieren könnte, mag wirtschaftlich attraktiv wirken. Politisch ist sie deutlich schwieriger.

Der eigentliche Bewertungsfehler liegt nicht im DCF-Modell

In vielen Fachartikeln wird erklärt, warum klassische DCF-Modelle bei SpaceX an ihre Grenzen stoßen. Das stimmt. Die zukünftigen Zahlungsströme sind schwer prognostizierbar. Die potenziellen Märkte liegen teilweise Jahrzehnte in der Zukunft. Die Unsicherheit ist außergewöhnlich hoch.

Interessanterweise liegt der größere Fehler häufig nicht im Modell, sondern in den Annahmen.

Ein DCF-Modell kann nur so gut sein wie die Zukunftserwartungen, die hineingerechnet werden. Wenn Analysten davon ausgehen, dass Starlink dauerhaft wächst, regulatorische Konflikte begrenzt bleiben und neue Märkte erfolgreich erschlossen werden, entstehen beeindruckende Bewertungen. Werden dieselben Annahmen leicht verändert, brechen diese Bewertungen teilweise massiv ein.

Das eigentliche Risiko besteht deshalb nicht darin, dass DCF-Modelle ungeeignet wären. Das eigentliche Risiko besteht darin, dass Investoren den Unterschied zwischen Szenario und Wahrscheinlichkeit unterschätzen.

Viele Zukunftsanalysen beschreiben, was möglich ist.

Deutlich seltener wird diskutiert, wie wahrscheinlich es tatsächlich ist.

Die wichtigste Abhängigkeit sitzt nicht auf der Startrampe

Die größte Schwäche vieler SpaceX-Analysen besteht darin, dass sie technische Risiken überbetonen und politische Risiken unterschätzen.

Dabei ist die Entwicklung des Unternehmens längst eng mit staatlichen Interessen verflochten. NASA, Pentagon und weitere amerikanische Behörden zählen zu den wichtigsten Auftraggebern. Gleichzeitig gewinnt Starlink in militärischen und geopolitischen Konflikten an Bedeutung.

Das schafft Stabilität und Abhängigkeit zugleich.

Je stärker SpaceX Teil kritischer Infrastruktur wird, desto stärker wird der politische Einfluss wachsen. Diese Entwicklung ist historisch keineswegs ungewöhnlich. Sie betrifft nahezu jedes Unternehmen, das eine relevante Infrastruktur kontrolliert. Energieversorger, Telekommunikationsanbieter und Eisenbahngesellschaften haben diese Erfahrung bereits gemacht.

Aus Investorensicht ergibt sich daraus eine unangenehme Erkenntnis. Die größte Unsicherheit liegt möglicherweise nicht in der Technologie. Sie liegt in der Frage, wie viel wirtschaftliche Macht Staaten einem privaten Unternehmen dauerhaft zugestehen werden.

Unsere Bewertung

Die spannendste Investmentthese zu SpaceX lautet nicht, dass das Unternehmen Raketen baut. Die spannendste Investmentthese lautet auch nicht, dass Starlink weiter wachsen wird. Beides dürfte bereits weitgehend im Marktverständnis angekommen sein.

Die eigentliche Wette lautet, ob ein privatwirtschaftliches Unternehmen eine infrastrukturelle Stellung erreichen kann, die historisch fast immer unter staatlicher Kontrolle stand.

Genau deshalb halten wir klassische Branchenvergleiche für wenig hilfreich. SpaceX ist weder ein typischer Raumfahrtkonzern noch ein gewöhnlicher Telekommunikationsanbieter. Die sinnvollste Bewertungslogik erscheint derzeit ein hybrider Ansatz aus Infrastrukturökonomie, Netzwerkeffekten und Realoptionsbewertung.

Gleichzeitig sehen wir einen Punkt deutlich kritischer als viele Marktteilnehmer. Der Kapitalmarkt diskutiert intensiv über das Potenzial von SpaceX. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, welche Teile dieser Zukunftserzählung überhaupt wirtschaftlich realisierbar sind. Zwischen technischer Machbarkeit und nachhaltiger Kapitalrendite liegt ein erheblicher Unterschied.

Sollte SpaceX tatsächlich an die Börse gehen, wird die Aktie wahrscheinlich nicht daran gemessen werden, wie viele Raketen sie startet. Sie wird daran gemessen werden, ob aus technologischer Überlegenheit wirtschaftliche Dominanz entsteht. Genau dort verläuft die eigentliche Trennlinie zwischen einer der größten Investmentchancen der kommenden Jahrzehnte und einer der teuersten Zukunftswetten der modernen Börsengeschichte.

Redaktion Steuerberatung
Redaktion Steuerberatung
Redaktion Steuerberatung analysiert Entwicklungen aus den Bereichen Steuerberatung, Kanzleientwicklung, Digitalisierung, Regulierung und wirtschaftlicher Strukturwandel. Der Fokus liegt auf langfristigen Veränderungen innerhalb der Steuerberaterbranche sowie deren Auswirkungen auf Unternehmen und Mittelstand.

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