Der stille Machtwechsel im Beteiligungsmarkt
Lange Zeit galt der Beteiligungsmarkt als klassisches Terrain institutioneller Investoren, großer Private-Equity-Häuser und strategischer Konzerne. Wer Unternehmensanteile erwerben wollte, bewegte sich typischerweise entweder über Fondsstrukturen oder klassische M&A-Transaktionen. Genau dieses Bild verändert sich jedoch seit einigen Jahren spürbar. Immer häufiger treten Family Offices selbst als direkte Investoren auf – nicht über Fonds, sondern unmittelbar im Unternehmen.
Was zunächst wie ein Randphänomen wirkte, entwickelt sich inzwischen zu einer strukturellen Verschiebung im europäischen Beteiligungsmarkt. Laut dem „Global Family Office Report“ von UBS verwalten Family Offices weltweit inzwischen Vermögen von mehreren Billionen US-Dollar. Bereits 2024 lag das durchschnittlich verwaltete Vermögen der untersuchten Family Offices bei rund 2,6 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig stieg der Anteil direkter Unternehmensbeteiligungen in den Portfolios kontinuierlich an. Die UBS-Studie zeigte, dass direkte Private-Equity-Investments inzwischen zu den wichtigsten Anlageklassen vieler Family Offices gehören.
Noch vor zehn oder fünfzehn Jahren agierten viele Familienvermögen deutlich defensiver. Immobilien, konservative Beteiligungen, liquide Wertpapierportfolios und klassische Vermögensverwaltung dominierten. Heute verschiebt sich das Bild massiv. Family Offices investieren zunehmend unternehmerisch, langfristig und operativ orientiert. Genau dadurch verändert sich auch die Dynamik des Mittelstandsmarktes.
Besonders interessant ist dabei, dass Family Offices in vielen Fällen längst nicht mehr nur Kapitalgeber sein wollen. Sie suchen Einfluss, Stabilität, direkte Beteiligung an Wertschöpfung und teilweise sogar unternehmerische Kontrolle. Damit treten sie zunehmend in Konkurrenz zu klassischen Private-Equity-Investoren – allerdings mit einem völlig anderen Selbstverständnis.
Warum Family Offices plötzlich deutlich offensiver investieren
Die Ursachen dieser Entwicklung liegen tiefer als reine Renditefragen. Zwar spielen wirtschaftliche Faktoren eine erhebliche Rolle, gleichzeitig verändert sich jedoch auch die Denkweise vieler vermögender Unternehmerfamilien fundamental.
Ein wesentlicher Treiber ist die Entwicklung der Kapitalmärkte. Über Jahre hinweg boten Anleihen und konservative Anlageformen kaum attraktive Renditen. Selbst nach der Zinswende bleiben viele liquide Anlagen aus Sicht großer Vermögen langfristig wenig überzeugend. Hinzu kommt die zunehmende Skepsis gegenüber öffentlichen Kapitalmärkten. Zahlreiche Family Offices betrachten börsennotierte Unternehmen inzwischen als kurzfristiger, volatiler und schwieriger kalkulierbar als direkte Beteiligungen.
Direkte Unternehmensbeteiligungen bieten dagegen mehrere Vorteile gleichzeitig: Einflussmöglichkeiten, langfristige Wertsteigerung, strategische Mitgestaltung und häufig einen engeren Bezug zur realwirtschaftlichen Entwicklung. Genau das passt zur Mentalität vieler Unternehmerfamilien deutlich besser als rein finanzmarktgetriebene Investments.
Der „European Family Office Report“ von Campden Wealth zeigte bereits 2023, dass direkte Beteiligungen in Europa zu den am stärksten wachsenden Assetklassen gehören. Besonders bemerkenswert war dabei die Veränderung der Allokation: Während liquide Aktienpositionen teilweise reduziert wurden, stiegen direkte Beteiligungen und Private-Equity-Strukturen deutlich an.
Hinzu kommt ein psychologischer Faktor, der häufig unterschätzt wird. Viele Family Offices stammen ursprünglich selbst aus unternehmerischen Erfolgsmodellen. Die Vermögen wurden nicht durch passive Kapitalmarktstrategien aufgebaut, sondern durch operative Unternehmen. Genau deshalb fühlen sich zahlreiche Unternehmerfamilien bei direkten Beteiligungen deutlich wohler als bei abstrakten Fondsstrukturen.
Der Mittelstand wird dadurch zum strategischen Zielmarkt
Besonders stark sichtbar wird diese Entwicklung im europäischen Mittelstand. Gerade Deutschland besitzt mit seiner mittelständischen Struktur einen Markt, der für Family Offices äußerst attraktiv geworden ist. Viele Unternehmen verfügen über stabile Geschäftsmodelle, hohe Spezialisierung und starke Marktpositionen, gleichzeitig stehen zahlreiche Unternehmer vor Nachfolgefragen.
Genau daraus entsteht eine Konstellation, die Family Offices gezielt nutzen.
Laut KfW-Nachfolgemonitor suchen in Deutschland bis Ende des Jahrzehnts mehrere hunderttausend mittelständische Unternehmen nach Nachfolgelösungen. Gleichzeitig sinkt die Zahl klassischer familieninterner Nachfolgen kontinuierlich. Viele Unternehmerkinder übernehmen die Betriebe nicht mehr oder verfolgen eigene Karrierewege.
Private Equity erkannte dieses Potenzial früh. Family Offices folgen inzwischen jedoch zunehmend mit einem anderen Ansatz.
Denn viele Unternehmer verkaufen lieber an Familieninvestoren als an klassische Finanzinvestoren. Das liegt vor allem an der unterschiedlichen Wahrnehmung. Private-Equity-Häuser werden häufig mit kurzen Haltefristen, aggressiven Renditezielen und Restrukturierungsdruck verbunden. Family Offices dagegen präsentieren sich oft als langfristig orientierte Eigentümer mit größerem Verständnis für Unternehmenskultur und operative Kontinuität.
Genau deshalb gewinnen sie im Mittelstand zunehmend an Attraktivität.
Besonders interessant ist dabei die Größenordnung. Während große Buyout-Fonds häufig erst ab höheren Unternehmensbewertungen aktiv werden, investieren viele Family Offices bereits im unteren oder mittleren Mid-Cap-Segment. Gerade dort entstehen aktuell zahlreiche Transaktionen.
Die größten Family Offices in Deutschland agieren längst wie Beteiligungshäuser
In Deutschland existieren inzwischen mehrere Family Offices mit erheblicher Marktbedeutung. Besonders aktiv gelten unter anderem die JAB Holding der Reimann-Familie, Haniel, die Investmentgesellschaften der Strüngmann-Familie, die Beteiligungsstrukturen der Schwarz-Gruppe sowie die Unternehmungen der Otto-Familie. Hinzu kommen zahlreiche kleinere Single Family Offices, die öffentlich deutlich weniger sichtbar auftreten, intern jedoch erhebliche Beteiligungsaktivitäten entfalten.
JAB Holding entwickelte sich in den vergangenen Jahren faktisch zu einem internationalen Konsumgüter- und Beteiligungskonzern mit Milliardeninvestitionen in Kaffee-, Food- und Lifestyle-Unternehmen. Die Strüngmann-Familie wiederum baute nach dem Verkauf von Hexal eines der aktivsten Beteiligungsnetzwerke im europäischen Healthcare- und Technologiesektor auf und wurde insbesondere durch die frühe BioNTech-Beteiligung international bekannt.
Haniel wandelte sich in den vergangenen Jahren zunehmend von einer klassischen Industrieholding zu einer langfristig orientierten Investmentplattform mit Fokus auf nachhaltige Geschäftsmodelle und mittelständische Beteiligungen. Die Schwarz-Gruppe investiert parallel verstärkt in Technologie-, Digitalisierungs- und Infrastrukturprojekte, während die Otto-Familie über verschiedene Investmentvehikel zunehmend Beteiligungen außerhalb des klassischen Handelsumfelds prüft.
Gerade diese Professionalisierung zeigt, wie stark sich der Markt verändert hat. Viele große Family Offices arbeiten inzwischen mit eigenen M&A-Teams, Investmentkomitees, Due-Diligence-Spezialisten und externen Beraternetzwerken. Teilweise ähneln ihre internen Strukturen inzwischen eher klassischen Beteiligungsgesellschaften als traditionellen Vermögensverwaltungen.
Wie findet man überhaupt ein Family Office?
Für viele Unternehmer entsteht genau an diesem Punkt eine zentrale Frage: Findet das Unternehmen das Family Office – oder findet das Family Office das Unternehmen?
Die Realität liegt meist dazwischen.
Große Family Offices arbeiten heute selten rein passiv. Viele analysieren aktiv Märkte, Branchen und Nachfolgesituationen. Gleichzeitig entstehen zahlreiche Transaktionen weiterhin über Netzwerke. Steuerberater, Corporate-Finance-Berater, Wirtschaftsprüfer, M&A-Boutiquen und spezialisierte Rechtsanwälte spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Gerade im deutschen Mittelstand laufen viele Prozesse äußerst diskret ab. Anders als klassische Private-Equity-Häuser treten Family Offices häufig bewusst zurückhaltend auf. Nicht selten erfahren Mitarbeiter oder Marktteilnehmer erst sehr spät von laufenden Beteiligungsgesprächen.
In der Praxis beginnt ein Prozess oft über persönliche Kontakte oder Beraternetzwerke. Ein Unternehmer signalisiert Nachfolgeinteresse, Wachstumsbedarf oder Kapitalbedarf. Daraufhin prüfen Berater potenzielle Family Offices, deren Branchenfokus, Investitionslogik und strategische Interessen.
Umgekehrt beobachten viele Family Offices gezielt bestimmte Branchen. Besonders attraktiv gelten derzeit profitable B2B-Unternehmen mit hoher Spezialisierung, wiederkehrenden Umsätzen und klarer Marktpositionierung. Gerade inhabergeführte Unternehmen mit stabiler zweiter Managementebene stehen häufig im Fokus.
Welche Unternehmen sind besonders attraktiv?
Nicht jedes Unternehmen eignet sich automatisch für Family Offices.
Besonders gefragt sind derzeit Unternehmen mit:
stabilen Cashflows, nachvollziehbaren Geschäftsmodellen, geringer Zyklik, technologischem Entwicklungspotenzial und professionellen Strukturen. Häufig spielen außerdem Nachfolgesituationen eine zentrale Rolle.
Viele Family Offices meiden hochspekulative Geschäftsmodelle oder extrem frühe Start-up-Phasen. Stattdessen bevorzugen sie Unternehmen, die operativ bereits funktionieren und planbare Ergebnisse liefern.
Gerade interessant werden Unternehmen oft dann, wenn sie zwischen klassischem Mittelstand und größerem Plattformgeschäft liegen. Typische Zielunternehmen erwirtschaften häufig EBITDA-Größenordnungen zwischen zwei und zwanzig Millionen Euro. Gleichzeitig gewinnen Nischenmarktführer zunehmend an Bedeutung.
Besonders gefragt sind aktuell:
industrielle Automatisierung, spezialisierte Softwareanbieter, Healthcare-Dienstleister, Infrastrukturthemen, Energietechnik, Cybersecurity und B2B-Serviceunternehmen.
Auffällig ist dabei, dass viele Family Offices inzwischen stärker auf Resilienz als auf maximale Wachstumsfantasien achten. Die Erfahrungen aus Pandemie, Inflation, Lieferkettenproblemen und geopolitischen Krisen haben die Risikowahrnehmung vieler Investoren verändert.
Wie läuft ein typischer Beteiligungsprozess ab?
Der Ablauf ähnelt grundsätzlich klassischen M&A-Prozessen, verläuft jedoch häufig deutlich persönlicher und langfristiger orientiert.
Zunächst steht meist eine informelle Kennenlernphase. Anders als viele Finanzinvestoren prüfen Family Offices häufig sehr genau, ob Unternehmenskultur, Managementstil und strategische Vorstellungen zusammenpassen. Gerade Unternehmerfamilien achten oft stark auf persönliche Vertrauensverhältnisse.
Erst danach beginnt die eigentliche Analysephase. Dazu gehören typischerweise Financial Due Diligence, steuerliche Prüfung, rechtliche Strukturierung und strategische Bewertung. Besonders relevant werden dabei:
Managementqualität, Kundenstruktur, Margenstabilität, Abhängigkeiten, Digitalisierung, operative Skalierbarkeit und zweite Führungsebene.
Anschließend folgen Strukturierungsfragen. Nicht jedes Family Office strebt eine vollständige Übernahme an. Viele investieren zunächst als Minderheitsgesellschafter oder wählen hybride Modelle mit späteren Aufstockungsoptionen.
Gerade im Mittelstand entstehen zunehmend Konstruktionen mit:
Mehrheitsbeteiligungen bei verbleibender Unternehmerrolle, schrittweisen Übergängen oder langfristigen Partnerschaftsmodellen.
Welche Renditen erwarten Family Offices tatsächlich?
Auch hier unterscheiden sich Family Offices häufig von klassischen Private-Equity-Häusern.
Zwar erwarten selbstverständlich auch Family Offices attraktive Renditen. Die Zielgrößen fallen jedoch oft langfristiger und strategischer ausgerichtet aus. Während klassische Buyout-Fonds teilweise interne Renditeziele von fünfzehn bis fünfundzwanzig Prozent verfolgen, akzeptieren viele Family Offices stabilere, dafür langfristig planbarere Entwicklungen.
Gerade europäische Family Offices denken häufig generationenübergreifend. Vermögenssicherung spielt deshalb oft eine ähnlich wichtige Rolle wie maximale Renditemultiplikation.
Das bedeutet allerdings keineswegs, dass Family Offices „geduldig um jeden Preis“ wären. Im Gegenteil. Viele analysieren Unternehmen äußerst kritisch und erwarten professionelle Strukturen, belastbares Reporting und klare Entwicklungsperspektiven.
Besonders wichtig bleibt dabei die Managementqualität. Zahlreiche Family Offices investieren weniger in Produkte als in Führungsteams. Unternehmer, die Transparenz, strategische Klarheit und operative Disziplin vermitteln, erhöhen ihre Chancen auf Beteiligungsinteresse erheblich.
Gleichzeitig steigen die Risiken erheblich
Die zunehmende Direktinvestment-Welle bringt jedoch auch neue Risiken mit sich.
Denn nicht jedes Family Office verfügt tatsächlich über operative Beteiligungskompetenz. Viele Unternehmerfamilien unterschätzen die Komplexität moderner Beteiligungsstrukturen massiv. Während institutionelle Private-Equity-Häuser über eingespielte Teams für Due Diligence, Integration, Finanzierung und Restrukturierung verfügen, befinden sich zahlreiche Family Offices organisatorisch noch im Aufbau.
Besonders problematisch wird dies in wirtschaftlich schwierigeren Marktphasen. Steigende Finanzierungskosten, geopolitische Spannungen und konjunkturelle Unsicherheiten erhöhen den Druck auf Beteiligungsportfolios erheblich. Gleichzeitig geraten Bewertungen zunehmend unter Druck.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Viele Family Offices investieren derzeit in Märkte, die sie aus ihrer ursprünglichen Unternehmerhistorie gar nicht kennen. Wer sein Vermögen beispielsweise im Handel aufgebaut hat, investiert heute plötzlich in Software, KI-Infrastruktur oder digitale Plattformmodelle. Genau dort entstehen häufig strategische Fehleinschätzungen.
Laut PwC Global Family Office Deals Study scheitern direkte Beteiligungen von Family Offices überdurchschnittlich häufig an operativer Integration, Governance-Strukturen oder unrealistischen Wachstumsannahmen. Gerade technologiegetriebene Investments erfordern heute enorme operative Expertise.
Steuerberater und Wirtschaftsprüfer profitieren massiv von dieser Entwicklung
Für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Corporate-Finance-Berater entsteht daraus ein enorm wachsender Markt.
Denn direkte Beteiligungsmodelle erzeugen erheblichen Beratungsbedarf. Strukturierung, Holdingmodelle, internationale Beteiligungsarchitekturen, steueroptimierte Nachfolgeplanung und Due-Diligence-Prozesse gewinnen massiv an Bedeutung.
Besonders relevant werden dabei Family-Office-Strukturen, Vermögenspooling, steuerliche Beteiligungsmodelle, internationale Holdingkonstruktionen, Erbschaftsteuerplanung, Governance-Strukturen und Asset Protection.
Gerade mittelständische Kanzleien unterschätzen dieses Feld bislang häufig. Dabei entstehen dort derzeit hochmargige Beratungsmandate mit langfristiger Bindung.
Parallel verändert sich dadurch auch die Rolle des klassischen Steuerberaters. Während früher primär Deklaration und laufende Steuerberatung im Vordergrund standen, verschiebt sich der Markt zunehmend Richtung strategischer Strukturierungsberatung.
Der Beteiligungsmarkt verändert sich dadurch fundamental. Family Offices verwalten weltweit enorme Vermögen, denken generationenübergreifend und suchen zunehmend direkten Zugang zu Wertschöpfung. Genau deshalb investieren sie heute längst nicht mehr nur passiv Kapital. Sie werden selbst zu aktiven Akteuren im europäischen Unternehmensmarkt.

