Georgien zeigt die Grenzen des Steuerfrei-Modells und genau deshalb dürfte der große Türkei-Hype ausbleiben

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Niedrige Steuern allein reichen längst nicht mehr aus

Die Diskussion um steuerlich attraktive Staaten wird seit Jahren auffällig vereinfacht geführt. Sobald ein Land niedrige Unternehmenssteuern, territoriale Besteuerung oder vereinfachte Residency-Modelle anbietet, entsteht in sozialen Netzwerken und Unternehmerforen schnell dieselbe Dynamik: das „neue Dubai“, der „nächste Steuer-Hotspot“ oder der kommende Magnet für internationale Unternehmer. Genau diese Diskussion entstand zunächst rund um Georgien und wird inzwischen zunehmend auch auf die Türkei übertragen.

Je tiefer man jedoch beide Standorte analysiert, desto deutlicher wird, dass moderne Unternehmer längst nicht mehr ausschließlich nach Steuersätzen entscheiden. Entscheidend sind heute vielmehr institutionelle Faktoren wie Rechtsstaatlichkeit, langfristige Planbarkeit, internationale Reputation, Kapitalzugang und gesellschaftliche Stabilität. Und genau dort zeigen sich zwischen Georgien und der Türkei erhebliche Unterschiede – allerdings nicht zwingend in der Weise, wie viele Debatten aktuell suggerieren.

Denn die zentrale Erkenntnis aus Georgien lautet nicht, dass niedrige Steuern keinen Effekt hätten. Sie lautet vielmehr, dass steuerliche Attraktivität allein keinen dominanten internationalen Wirtschaftsstandort erzeugt.

Georgien zog internationale Unternehmer an – allerdings vor allem kleinere digitale Geschäftsmodelle

Ab 2018 entwickelte sich Georgien zu einem der bekanntesten steuerlich attraktiven Standorte für digitale Unternehmer, Freelancer und internationale Selbstständige. Besonders das sogenannte „Small Business“-Regime mit einer sehr niedrigen Besteuerung kleiner Unternehmen erzeugte enorme Aufmerksamkeit in internationalen Unternehmernetzwerken. Die Einstiegshürden waren gering, Unternehmensgründungen vergleichsweise unkompliziert und Aufenthaltsmodelle relativ pragmatisch ausgestaltet.

Tatsächlich zogen in den Folgejahren zahlreiche Unternehmer nach Georgien oder strukturierten dort Teile ihrer Tätigkeiten. Besonders stark vertreten waren digitale Geschäftsmodelle mit hoher Mobilität und geringer physischer Infrastruktur. Dazu gehörten unter anderem Freelancer, Online-Marketing-Agenturen, E-Commerce-Unternehmer, Krypto-Modelle, SaaS-Strukturen und ortsunabhängige Beratungsunternehmen. Internationale Remote-Work-Plattformen und Auswanderungsportale berichteten regelmäßig über Unternehmer, die mit kleinen Teams oder Ein-Personen-Gesellschaften nach Tiflis verlagerten.

Gerade dieser Punkt ist jedoch entscheidend.

Georgien zog überwiegend kleinere, hochmobile Geschäftsmodelle an – nicht jedoch in großem Stil klassische mittelständische Industrieunternehmen oder internationale Konzernstrukturen. Es entstanden zwar zahlreiche Unternehmensgründungen und internationale Registrierungen, gleichzeitig blieb die eigentliche industrielle Wertschöpfung begrenzt. Weder entwickelte sich Georgien zu einem internationalen Produktionszentrum noch zu einem relevanten europäischen Headquarter-Standort größerer Konzerne.

Das zeigt sich auch an der volkswirtschaftlichen Entwicklung. Das georgische Bruttoinlandsprodukt entwickelte sich laut Weltbank und Internationalem Währungsfonds zwar positiv, allerdings blieb der große wirtschaftliche Transformationsschub aus. Georgien wurde sichtbar, aber nicht zu einem global dominanten Wirtschaftsstandort vergleichbar mit Dubai, Singapur oder anderen internationalen Finanz- und Unternehmenszentren.

Genau daraus entsteht eine wichtige wirtschaftliche Erkenntnis: Steuerlich mobile Mikro-Unternehmen erzeugen Aufmerksamkeit, aber nicht automatisch nachhaltige strukturelle Wirtschaftskraft.

Viel Kapital floss nach Georgien, aber oft kurzfristig und opportunistisch

Gerade nach Beginn des Ukrainekriegs stiegen Kapitalzuflüsse nach Georgien deutlich an. Zahlreiche russische und ukrainische Unternehmer verlagerten kurzfristig Vermögen, Wohnsitze oder Unternehmensstrukturen ins Land. Immobilienpreise entwickelten sich spürbar nach oben, die Nachfrage nach Dienstleistungen stieg und internationale Aufmerksamkeit nahm massiv zu.

Trotzdem blieb die Struktur dieser Zuflüsse auffällig.

Ein erheblicher Teil des Kapitals war kurzfristig, geopolitisch motiviert oder stark personenbezogen. Große westliche Industriekonzerne oder bedeutende europäische Mittelständler siedelten sich dagegen nur begrenzt an. Internationale Großunternehmen analysieren Standorte deutlich langfristiger und gewichten institutionelle Faktoren wesentlich stärker als reine Steuerbelastungen. Genau deshalb blieb Georgien letztlich eher ein steuerlich effizienter Verwaltungs- und Wohnstandort als ein neues globales Unternehmenszentrum.

Und genau dort beginnt das eigentliche Problem der Türkei

Die Türkei besitzt im Vergleich zu Georgien zunächst deutlich größere wirtschaftliche Möglichkeiten. Das Land verfügt über eine große Binnenwirtschaft, industrielle Produktionskapazitäten, internationale Lieferketten, eine starke touristische Infrastruktur und eine enorme Diaspora in Europa. Rein wirtschaftlich wirkt die Türkei deshalb auf den ersten Blick wesentlich mächtiger als Georgien.

Allerdings entsteht genau daraus ein Missverständnis.

Denn internationale Unternehmer bewerten Standorte heute deutlich sensibler als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Steuerliche Vorteile reichen allein nicht mehr aus. Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob ein Land langfristig als berechenbar und institutionell stabil wahrgenommen wird.

Und genau dort schneidet die Türkei in internationalen Studien seit Jahren problematisch ab.

Besonders deutlich wird das im „Rule of Law Index“ des World Justice Project. Dort lag die Türkei 2024 weltweit auf Rang 117 von 142 untersuchten Staaten. Innerhalb der Region Osteuropa und Zentralasien gehörte das Land damit zu den schwächsten Staaten der gesamten Untersuchung. Georgien lag im selben Ranking deutlich vor der Türkei und wurde innerhalb der Region sogar als Spitzenreiter genannt. Das World Justice Project analysiert dabei unter anderem richterliche Unabhängigkeit, Einschränkungen staatlicher Macht, Durchsetzbarkeit zivilrechtlicher Ansprüche und institutionelle Stabilität. Gerade in diesen Bereichen wurden bei der Türkei erhebliche Schwächen festgestellt.

Auch Freedom House bewertet beide Länder unterschiedlich. Die Türkei wird dort aktuell als „Not Free“ eingestuft und erreichte zuletzt lediglich 33 von 100 Punkten. Georgien gilt trotz eigener Probleme weiterhin als „Partly Free“ und liegt deutlich höher. Besonders kritisch bewertet Freedom House in der Türkei Einschränkungen bei Meinungsfreiheit, institutioneller Unabhängigkeit und digitalen Freiheitsrechten.

Gleichzeitig wäre es falsch, die Türkei pauschal abzuschreiben

Genau hier wird die Analyse jedoch komplexer. Denn trotz institutioneller Schwächen zieht die Türkei weiterhin erhebliche Investitionen an. Reuters berichtete 2024 unter Berufung auf die türkische Investitionsbehörde, dass die Türkei ausländische Direktinvestitionen zwischen zwölf und vierzehn Milliarden US-Dollar erwarte. Besonders Branchen wie Automotive, industrielle Fertigung, Energie, Logistik und Rechenzentren wurden dabei hervorgehoben.

Auch zahlreiche internationale Unternehmen investieren weiterhin massiv in den Standort Türkei. Bosch erklärte in den vergangenen Jahren mehrfach öffentlich, dass die Türkei innerhalb der globalen Produktionsstruktur des Konzerns strategisch relevant bleibe. Ähnlich äußerte sich Siemens, das trotz politischer Unsicherheiten weiterhin auf industrielle Zusammenarbeit und Infrastrukturprojekte setzt. Mercedes-Benz investierte ebenfalls weiter in Produktions- und Exportstrukturen in der Türkei, insbesondere im Nutzfahrzeugbereich.

Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine zweite Entwicklung, die häufig unterschätzt wird. Viele westliche Unternehmen differenzieren inzwischen deutlich stärker zwischen Produktion, Absatzmarkt und langfristiger Standortstrategie. Gerade deutsche Mittelständler äußerten sich in den vergangenen Jahren zunehmend vorsichtig über politische Risiken, regulatorische Planbarkeit und wirtschaftliche Stabilität.

Der Kunststoff- und Fenstertechnikkonzern REHAU reduzierte Aktivitäten und bewertete den Standort Türkei kritischer als noch vor einigen Jahren. Ähnliche Töne kamen aus Teilen des Maschinenbaus und der Automobilzulieferindustrie. Vertreter deutscher Außenhandelskammern berichteten wiederholt davon, dass viele Unternehmen zwar operativ im Land bleiben, größere langfristige Investitionsentscheidungen jedoch deutlich vorsichtiger prüfen.

Auch die deutsch-türkische Auslandshandelskammer verwies in mehreren Stellungnahmen darauf, dass Inflation, Währungsvolatilität und Planungsunsicherheit für internationale Unternehmen zunehmend relevante Faktoren geworden seien. Laut Berichten des Handelsblatts und der Financial Times bewerten viele Investoren die wirtschaftliche Perspektive der Türkei zwar weiterhin positiv, gleichzeitig bestehen erhebliche Vorbehalte bezüglich institutioneller Stabilität und regulatorischer Vorhersehbarkeit.

Besonders auffällig ist dabei, dass internationale Unternehmen die Türkei heute deutlich differenzierter betrachten als noch vor zehn Jahren. Der Standort wird weiterhin als industriell interessant wahrgenommen, jedoch nicht mehr automatisch als langfristig planbarer Brückenkopf zwischen Europa und Asien.

Hinzu kommen kulturelle Unterschiede, die häufig unterschätzt werden

Besonders interessant ist dabei ein Punkt, der öffentlich erstaunlich selten offen diskutiert wird. Selbst zahlreiche deutsche Unternehmer mit türkischen Wurzeln weisen intern regelmäßig darauf hin, dass westliche Geschäftslogiken nicht automatisch auf die Türkei übertragbar sind. Dabei geht es ausdrücklich nicht um moralische Bewertungen oder darum, eine Kultur als „besser“ oder „schlechter“ darzustellen.

Das eigentliche Problem liegt vielmehr darin, dass wirtschaftliche Systeme immer auch gesellschaftliche Systeme sind. Kommunikationskultur, Hierarchieverständnis, persönliche Netzwerke, Verbindlichkeiten und Entscheidungsprozesse unterscheiden sich teilweise erheblich zwischen Deutschland und der Türkei. Viele westliche Unternehmer unterschätzen diese Unterschiede massiv, weil sie davon ausgehen, wirtschaftliche Prozesse funktionierten international weitgehend identisch.

Genau daraus entstehen jedoch häufig operative Spannungen. Internationale Geschäftsbeziehungen scheitern in der Praxis selten ausschließlich an Steuern oder Gesetzen. Häufiger entstehen Probleme durch unterschiedliche Erwartungen an Kommunikation, Geschwindigkeit, Verlässlichkeit oder Entscheidungsstrukturen.

Gerade mittelständische deutsche Unternehmer berichten intern immer wieder davon, dass die tatsächliche Geschäftspraxis in der Türkei komplexer sei als ursprünglich erwartet. Gleichzeitig existieren selbstverständlich auch zahlreiche erfolgreiche deutsch-türkische Unternehmensbeziehungen. Genau diese Ambivalenz macht den Standort so schwer bewertbar.

Hinzu kommt die steuerliche Realität: Die Wegzugsbesteuerung bleibt ein massives Hindernis

Gerade deutsche Unternehmer unterschätzen außerdem weiterhin die steuerlichen Konsequenzen internationaler Verlagerungsmodelle. Denn ein Wegzug aus Deutschland wird heute deutlich intensiver geprüft als noch vor einigen Jahren. Besonders relevant bleibt dabei die Wegzugsbesteuerung nach § 6 AStG. Wer wesentliche Beteiligungen an Kapitalgesellschaften hält und Deutschland verlässt, kann bereits durch den Wegzug selbst erhebliche steuerliche Belastungen auslösen – auch ohne tatsächlichen Verkauf.

Genau deshalb reicht es längst nicht aus, formal in ein steuerlich attraktiveres Land umzuziehen. Entscheidend sind vielmehr tatsächliche Geschäftsleitung, operative Substanz, wirtschaftliche Realität und die Frage, wo unternehmerische Entscheidungen tatsächlich getroffen werden. Gerade bei emotional geprägten Rückkehrmodellen in die Türkei wird diese Situation häufig noch komplexer, weil familiäre, wirtschaftliche und persönliche Verbindungen ineinandergreifen.

Finanzbehörden prüfen solche Modelle inzwischen deutlich intensiver als noch vor einigen Jahren. Internationale Steuerstrukturen funktionieren heute wesentlich weniger über reine Wohnsitzverlagerungen als über tatsächliche wirtschaftliche Substanz.

Georgien zeigt letztlich vor allem die Grenzen solcher Modelle

Rückblickend ist Georgien deshalb wirtschaftlich besonders interessant. Das Land beweist nicht nur, dass steuerliche Attraktivität internationale Aufmerksamkeit erzeugen kann. Es zeigt gleichzeitig, dass niedrige Steuern allein keinen global dominanten Wirtschaftsstandort schaffen.

Und genau daraus ergibt sich vermutlich auch die entscheidende Prognose für die Türkei.

Die Türkei besitzt ohne Zweifel mehr wirtschaftliche Substanz, mehr Industrie und größere Marktpotenziale als Georgien. Gleichzeitig werden institutionelle Risiken, politische Wahrnehmung, kulturelle Unterschiede und Fragen der Rechtsstaatlichkeit aus westlicher Sicht deutlich kritischer bewertet.

Gerade internationale Unternehmer denken heute wesentlich weniger romantisch über Steuerstandorte als noch vor einigen Jahren. Kapital sucht längst nicht mehr nur niedrige Steuern. Kapital sucht vor allem Stabilität, Vertrauen und langfristige Berechenbarkeit. Und genau dort dürfte der eigentliche Grund liegen, warum der große Türkei-Hype wahrscheinlich deutlich kleiner ausfallen wird als viele aktuelle Diskussionen vermuten lassen.

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