Drei Monate Wachstum. Sechs Monate später ein Problem, das keiner mehr wegdiskutieren kann
Es beginnt leise. Wie so oft.
Ein neuer Mandant. Onlinehandel, saubere Story, gutes Auftreten. Die Zahlen sehen vielversprechend aus. Nach drei Monaten wächst das Geschäft spürbar. Umsätze ziehen an, Zahlungsdienstleister liefern regelmäßig Auszahlungen, die Buchhaltung läuft.
Alles wirkt stimmig.
Dann kippt es. Nicht abrupt. Eher schleichend.
Nach etwa sechs Monaten passt das Gesamtbild nicht mehr. Die Retourenquote steigt. PayPal zahlt weniger aus, als die Umsätze vermuten lassen. Forderungen bleiben stehen. Gleichzeitig wächst das Geschäft weiter.
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem. Nicht für den Mandanten. Für die Kanzlei.
Denn an diesem Punkt stellt sich nicht mehr die Frage, ob etwas nicht stimmt. Sondern ob man es hätte erkennen müssen.
„Wir buchen nur“ funktioniert nicht mehr
Viele Steuerberater halten noch an einem alten Selbstverständnis fest. Man verarbeitet Belege, erstellt Auswertungen, übergibt Zahlen. Die inhaltliche Verantwortung liege beim Mandanten.
Diese Trennung existiert so nicht mehr.
Spätestens seit den Entscheidungen der letzten Jahre ist klar, dass Gerichte eine andere Erwartung haben. Wer wirtschaftliche Zusammenhänge erkennt oder erkennen kann, muss sie einordnen.
Der Bundesgerichtshof hat das 2024 in einem vielbeachteten Fall deutlich gemacht. In der Entscheidung III ZR 79 aus 2023 wurde eine Steuerberaterin zur Haftung herangezogen, weil sie bei erkennbaren Unregelmäßigkeiten nicht reagiert hatte. Der Schaden lag im fünfstelligen Bereich.
Auch Finanzgerichte ziehen nach. Im Jahr 2025 wurde in München einem Berater eine erhebliche Mitschuld zugerechnet. Es ging um ein E Commerce Modell mit auffälligen Zahlungsströmen und unplausiblen Margen.
Die Linie ist klar. Passivität wird nicht mehr als Neutralität gewertet. Sie wird als Fahrlässigkeit ausgelegt.
Die Realität 2026: Betrug ist skalierbar geworden
Was viele unterschätzen, ist die Geschwindigkeit, mit der sich diese Modelle weiterentwickelt haben.
Refund Betrug auf industriellem Niveau
Das Prinzip ist nicht neu. Ware wird bestellt, Retouren werden manipuliert, Geld wird zurückgebucht. Neu ist die Struktur.
Heute laufen solche Modelle über mehrere Gesellschaften gleichzeitig. Beträge werden gezielt verteilt, sodass sie unterhalb automatischer Prüfgrenzen bleiben. Trackingdaten werden nicht mehr manuell gefälscht, sondern automatisiert erzeugt. KI generiert Versandverläufe, die für Plattformen plausibel wirken.
In der Buchhaltung sieht das zunächst banal aus. Mehr Gutschriften als üblich. Vielleicht ein schlecht laufendes Produkt. Vielleicht eine Marketingaktion.
Erst wenn man die Zahlen zusammennimmt, entsteht ein anderes Bild.
Dreiecksbetrug in neuen Plattformstrukturen
Plattformen haben das Modell weiter verkompliziert.
Ein Kunde bestellt, zahlt an einen Anbieter, der selbst nicht liefert. Die Ware kommt von einem legitimen Händler. Dieser bleibt auf seiner Forderung sitzen.
In der Buchhaltung entstehen Umsätze, denen keine sauberen Zahlungseingänge gegenüberstehen. Forderungen wachsen, ohne dass klar ist, warum.
Das wirkt zunächst wie ein operatives Problem. Tatsächlich ist es oft Teil eines Systems.
Kontenübernahmen und Social Engineering
Ein besonders perfides Feld sind übernommene Verkäuferkonten.
Angreifer nutzen bestehende Accounts mit guter Historie und schleusen in kurzer Zeit große Umsätze durch. Parallel dazu werden Mitarbeiter gezielt manipuliert. Fake Anrufe, täuschend echte Mails, in Einzelfällen sogar synthetische Stimmen.
Ziel ist immer gleich. Zugriff auf Systeme, Freigabe von Zahlungen, Umleitung von Geld.
Für die Buchhaltung sieht das zunächst sauber aus. Erst im Detail entstehen Zweifel.
Crypto als blinder Fleck
Ein Thema, das viele Kanzleien noch nicht ausreichend auf dem Schirm haben, sind Kryptowährungen.
Stablecoins wie USDT werden gezielt eingesetzt, um Zahlungsströme außerhalb klassischer Bankensysteme zu bewegen. Diese Transaktionen tauchen in keiner PayPal Auswertung auf. Sie laufen über Wallets, oft mit Adressen, die für Außenstehende nicht zuzuordnen sind.
Typische Muster sind größere Transfers an Wallet Adressen, häufig beginnend mit bekannten Formaten. Beträge werden über internationale Börsen verschoben, oft außerhalb regulierter Räume.
Wer diese Bewegungen nicht erkennt, sieht nur einen Teil des Geschäfts.
Der Moment, in dem aus Auffälligkeit eine Pflicht wird
Hier kommt das Geldwäschegesetz ins Spiel. Und zwar konkret.
§ 11 GwG verpflichtet zur Meldung, sobald ein begründeter Verdacht besteht. Nicht wenn ein Betrug bewiesen ist. Nicht wenn alle Fakten vorliegen. Es reicht ein nachvollziehbares Muster.
Und diese Meldung hat eine klare Erwartung. Sie muss ohne schuldhaftes Zögern erfolgen. In der Praxis bedeutet das ein Zeitfenster von etwa 24 Stunden.
Der Ablauf ist klar strukturiert
Der Verdacht wird intern dokumentiert
Die Meldung erfolgt über das elektronische System der FIU
Der Mandant wird nicht informiert
Die Dokumentation wird in der Kanzlei revisionssicher abgelegt
Das klingt technisch. In der Praxis ist es eine der schwierigsten Entscheidungen im Alltag.
Die Konsequenzen werden oft unterschätzt
Wer nicht meldet, obwohl ein Verdacht besteht, riskiert erhebliche Sanktionen.
Bußgelder können bis zu einer Million Euro betragen. In schwerwiegenden Fällen kommt der Straftatbestand der Geldwäsche ins Spiel. § 261 StGB sieht hier Freiheitsstrafen vor.
Hinzu kommt die zivilrechtliche Ebene. Wenn ein Mandant Schaden erleidet und der Berater Auffälligkeiten ignoriert hat, drohen Schadensersatzforderungen.
Und dann gibt es noch den stillen Schaden. Reputationsverlust. Vertrauensverlust. Themen, die sich nicht in Zahlen messen lassen, aber langfristig existenzgefährdend sein können.
Die Grauzone, in der Entscheidungen getroffen werden
Die Praxis ist selten eindeutig.
Ein Mandant mit ungewöhnlich hoher Retourenquote. Auffällige Zahlungsströme. Internationale Transfers ohne klare Struktur. Keine eindeutigen Beweise.
Melden oder nicht melden.
Diese Frage entscheidet sich oft unter Zeitdruck. Zwischen Mandantenbeziehung und Haftungsrisiko. Zwischen Bauchgefühl und rechtlicher Verpflichtung.
Ein Punkt ist dabei entscheidend. Das Beratungsgeheimnis tritt hinter das Geldwäschegesetz zurück. Wenn ein Verdacht besteht, muss gemeldet werden.
Täter arbeiten global, nicht lokal
Die Vorstellung vom einzelnen Täter ist überholt.
Die Realität sind Netzwerke. Arbeitsteilig organisiert, international vernetzt.
Strukturen in Osteuropa dominieren im Bereich Refund Betrug. Westafrikanische Netzwerke sind häufig im Bereich Kontenübernahmen aktiv. Asiatische Strukturen spielen eine zentrale Rolle bei Plattformmodellen und Warenströmen.
Dazu kommen lokale Schnittstellen. Mitarbeiter, Dienstleister oder interne Kontakte, die bewusst oder unbewusst eingebunden sind.
Für die Kanzlei bedeutet das, dass Risiken nicht an Landesgrenzen haltmachen.
Zahlen, die man kennen muss
Viele Risiken lassen sich messen.
Die Retourenquote ist ein zentrales Instrument.
Alpha setzt die Anzahl der retournierten Pakete ins Verhältnis zu den versendeten Paketen.
Beta vergleicht retournierte Artikel mit verkauften Artikeln.
Gamma stellt den Retourenumsatz dem Gesamtumsatz gegenüber.
Liegt eine dieser Quoten über etwa fünfzehn Prozent, sollte man genauer hinschauen.
Diese Werte lassen sich über DATEV oder angebundene Systeme auswerten. Wer hier automatisiert arbeitet, erkennt Auffälligkeiten früher.
DATEV ist mehr als ein Buchungssystem
Viele Kanzleien nutzen DATEV operativ. Dabei liegt der eigentliche Schutz in der Dokumentation.
Risikoprofile lassen sich in den Stammdaten hinterlegen. Auffälligkeiten können direkt am Buchungssatz dokumentiert werden. Verfahrensdokumentationen werden zentral abgelegt.
Im Ernstfall entscheidet genau diese Dokumentation darüber, wie die eigene Rolle bewertet wird.
Wer nichts dokumentiert, hat nichts gesehen. So wirkt es zumindest im Nachhinein.
Der 90 Sekunden Realitätstest
Ein kurzer Blick reicht oft aus, um ein Gefühl zu bekommen
Retourenquote über fünfzehn Prozent
Abweichungen zwischen Umsatz und Zahlungsdienstleister
Zahlungen an unbekannte Auslandsempfänger
Fehlende Lager oder Versandkosten bei Warenhandel
Neumandate mit sofort hohen Umsätzen
Krypto Transaktionen ohne klare Herkunft
Treffen mehrere dieser Punkte zu, sollte man nicht warten.
Was sich grundlegend verändert hat
E Commerce ist kein klassisches Geschäftsmodell mehr. Es ist ein dynamisches System mit eigenen Regeln, eigenen Risiken und einer Geschwindigkeit, die viele unterschätzen.
Steuerberater sind längst Teil dieses Systems geworden. Ob sie wollen oder nicht.
Eine klare Einordnung zum Schluss
Die größte Gefahr liegt nicht im Betrug selbst. Sondern im Übersehen.
Ein Geschäftsmodell, das sich nicht logisch erklären lässt, ist kein Zufall. Es ist ein Signal.
Wer diese Signale ignoriert, geht ein Risiko ein, das heute messbar ist. Rechtlich, finanziell und persönlich.
Und genau deshalb reicht es nicht mehr, nur zu buchen.
Man muss verstehen, was man sieht.

