Wolfsburg brennt, und die Berater von McKinsey gießen hochprozentiges Benzin ins Feuer. Während die deutsche Industrie noch über die 35-Stunden-Woche philosophiert, hat die Realität bei Volkswagen im März 2026 längst die Kettensäge angesetzt. Die Zahlen vom 10. März sind kein bloßer Warnschuss, sie sind das Exekutionskommando für ein überholtes Geschäftsmodell.
Das 6,9-Milliarden-Debakel: Rendite am Abgrund
Der Blick in die aktuelle Bilanz ist für jeden Controller ein Albtraum. Der Konzerngewinn nach Steuern ist 2025 um massive 44 % auf 6,9 Milliarden Euro eingebrochen (Vorjahr: 12,4 Mrd. €). Besonders dramatisch zeigt sich das Bild bei der Kernmarke VW: Mit einer operativen Rendite von gerade einmal 3,0 % operiert man am Rande der wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit. Zum Vergleich: Das ursprüngliche Ziel für 2026 lag bei 6,5 %, ein Wert, den das Management nun verschämt auf 2029 verschoben hat.
Die Gründe für diesen bilanziellen Offenbarungseid sind so hausgemacht wie schmerzhaft:
- Die Porsche-Erosion: Die einstige Ertragsperle kämpfte 2025 mit einem operativen Ergebniseinbruch, verursacht durch verpatzte Modellwechsel und eine sprunghafte Rückkehr zum Verbrenner, die Milliarden kostete.
- Der US-Zoll-Zangengriff: Die Handelspolitik der USA unter der Trump-Administration belastet den Konzern mit Milliarden – das drückt die Marge massiv.
- Fixkosten-Monster: In Deutschland fressen Energiekosten und starre Tarifstrukturen die letzten Reserven auf, während der Absatz in China zweistellig schrumpft.
Die Zwei-Werke-Dystopie: McKinseys radikaler Schnitt
Die McKinsey-Empfehlung, die aktuell wie ein Gespenst durch die Flure der Wolfsburger Nordstadt geistert, ist an Brutalität kaum zu übertreffen. Das Szenario sieht vor, die deutsche Produktionslandschaft von zehn Standorten auf nur noch zwei industrielle Kerne einzudampfen: Wolfsburg und Ingolstadt.
Was nach industrieller Dystopie klingt, folgt einer gnadenlosen Logik der Kostenrechnung. Standorte wie Osnabrück stehen bereits mit dem Rücken zur Wand; Verhandlungen mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall über eine Umnutzung der Werkshallen unterstreichen den Ernst der Lage. Wenn Fahrzeugproduktion in Deutschland nicht mehr profitabel darstellbar ist, wird die Halle eben zum Panzerbau umgewidmet. Der VW-Betriebsrat unter Daniela Cavallo mag die Pläne als „unrealistisch“ geißeln, doch im Controlling-Dossier steht die Wahrheit: Deutschland ist als Volumenstandort derzeit ein bilanzielles Hochrisikogebiet.
Der 50.000-Stellen-Kahlschlag: Das Ende der sozialen Romantik
Das Management hat im März 2026 die Maske fallen gelassen: Bis 2030 sollen in Deutschland rund 50.000 Stellen gestrichen werden. Das ist eine massive Ausweitung des ursprünglichen Sparziels von 35.000 Arbeitsplätzen. Besonders pikant für das Fibu Magazin: Während der Konzern händeringend Milliarden spart, fließen paradoxerweise weiterhin Dividenden in Milliardenhöhe an die Aktionäre. Für das Geschäftsjahr 2025 schlägt VW 5,26 € je Vorzugsaktie vor – eine Kürzung um 17 %, die angesichts des Gewinneinbruchs von 44 % fast schon als Provokation gegenüber der Belegschaft verstanden werden kann.
Kalifornische Software-Herzen statt Wolfsburger Code
Gleichzeitig findet die totale Kapitulation der eigenen Software-Sparte CARIAD statt. Das besiegelte 5,8-Milliarden-Dollar-Investment in Rivian ist das teuerste Eingeständnis der Unternehmensgeschichte: Wir können es nicht allein. Die „Seele“ des VW von morgen wird künftig in Kalifornien programmiert, während in Wolfsburg die Abfindungsprogramme berechnet werden. Das erste Modell mit Rivian-Technik, der für 2027 geplante ID.1, wird bezeichnenderweise nicht in Deutschland, sondern im portugiesischen Palmela gebaut.
Zukunftsaussicht: Rumpfstaat Wolfsburg
Die Prognose für 2030 ist so provokant wie klar: VW wird überleben, aber nicht als deutscher Industriegigant. Wir erleben die Entstehung eines Konzerns mit amerikanischem Gehirn, chinesischen Muskeln und einem deutschen Briefkopf.
Für den Industriestandort Deutschland bleibt die Rolle eines prestigeträchtigen Museums. In Wolfsburg wird man weiterhin Autos montieren, aber die Musik spielt in Hefei und Silicon Valley. Das Label „Made in Germany“ verkommt zum nostalgischen Marketing-Gag für global optimierte Hardware.
Glossar für das Dossier:
- Operative Rendite: Das Verhältnis von operativem Ergebnis zum Umsatz; aktuell der kritische Indikator für die Überlebensfähigkeit der Kernmarke.
- Cashflow-Anker: Der starke Netto-Cashflow von 6,4 Mrd. € sichert trotz Gewinneinbruch die Dividendenfähigkeit.
- De-Risking: Die strategische Flucht aus der Abhängigkeit vom Standort Deutschland und dem China-Geschäft.
- SDV-Architektur: Software-Defined Vehicle; der technische Kern, den VW nun von Rivian einkauft.

