Die gefährliche Macht der Zahlen
Viele Jahresabschlüsse sind kein Abbild der wirtschaftlichen Wahrheit – sondern das Ergebnis steuerlicher Optimierung, bilanzieller Wahlrechte und strategischer Entscheidungen. Unternehmer, Steuerberater, Investoren und Banker kennen das Phänomen: Ein hochprofitables Unternehmen weist plötzlich einen Jahresfehlbetrag aus. Oder eine Firma mit konstanten Verlusten erhält bei der Bank ein besseres Rating als ein wachstumsstarkes Start-up mit positiver Zukunftsperspektive.
Der Grund: Bilanzzahlen spiegeln nur einen Ausschnitt der Realität wider – oft nicht einmal den wichtigsten. Und dennoch werden Entscheidungen über Kredite, Beteiligungen, Unternehmenswerte und Kooperationen regelmäßig auf dieser Basis getroffen. Höchste Zeit, das zu durchbrechen.
Die Grundlagen: Warum Bilanzen verzerren – obwohl sie korrekt sind
Ein Jahresabschluss nach deutschem Handelsrecht (HGB) folgt dem Prinzip der vorsichtigen Kaufmannsrechnung. Das heißt: Risiken müssen frühzeitig bilanziert werden, Chancen dagegen nur, wenn sie realisiert sind. Dazu kommen Wahlrechte, Ermessensspielräume und steuerliche Motive.
Die wichtigsten verzerrenden Faktoren:
- Abschreibungen auf Sachanlagen und immaterielle Güter
- Maschinen, Fahrzeuge, EDV, Software, Patente etc. müssen abgeschrieben werden – meist linear über Jahre.
- Beispiel: Eine Maschine kostet 300.000 € und wird über 10 Jahre abgeschrieben. Obwohl sie im ersten Jahr vollen Nutzen bringt, senkt sie den Gewinn jährlich um 30.000 €.
- Trick: Sonderabschreibungen (§ 7g EStG) ermöglichen zusätzlich zur linearen AfA 20 % der Anschaffungskosten im Jahr der Investition oder im Folgejahr – ideal zur gezielten Gewinnminderung.
- Folge: Auf dem Papier sinkt der Gewinn massiv – obwohl die Ertragskraft steigt.
- Rückstellungen
- Rückstellungen sind Aufwendungen, die für ungewisse Verpflichtungen gebildet werden.
- Beispiel: Prozessrisiken, Garantieverpflichtungen, Urlaubsrückstellungen.
- Trick: Rückstellungen können genutzt werden, um Gewinne zu glätten – z. B. durch großzügige Kalkulation zukünftiger Risiken, sofern plausibel.
- Aber Achtung: Übermäßige Bildung kann im Falle einer Betriebsprüfung zu Rückfragen führen.
- Stille Reserven
- Diese entstehen, wenn Vermögenswerte unter ihrem tatsächlichen Marktwert bilanziert werden.
- Klassiker: Grundstücke, Beteiligungen, nicht aktivierte Eigenleistungen, Marken oder Software.
- Beispiel: Ein Grundstück wurde vor 20 Jahren für 200.000 € gekauft, ist heute 1,2 Mio. € wert – in der Bilanz steht weiterhin der Buchwert.
- Problem: Für Außenstehende nicht sichtbar, es sei denn, man erstellt ein Wertgutachten.
- Steueroptimierung
- Unternehmer wollen legal Steuern sparen – verständlich.
- Maßnahmen wie Investitionen am Jahresende, Inanspruchnahme des Investitionsabzugsbetrags (§ 7g EStG), Bildung von Rücklagen etc. senken das Jahresergebnis.
- Folge: Geringere Steuerlast – aber auch schlechtere Darstellung in GuV und Bilanz.
- Tipp: Immer eine wirtschaftliche Ergebnisrechnung ergänzen, die um diese Effekte bereinigt ist.
Bankenrating, Bonität und der Teufel im Detail
Banken nutzen i. d. R. standardisierte Ratingverfahren wie das Creditreform-Rating oder interne Scoring-Modelle auf Basis der Jahresabschlüsse.
Was dabei bewertet wird:
- Eigenkapitalquote
- Liquiditätsgrad
- Zinsdeckungsgrad
- Kapitaldienstfähigkeit
- Cashflow (operativ und gesamt)
- Umsatz- und Ertragsentwicklung
Was nicht bewertet wird:
- Innovationskraft
- Teamqualität
- Marktstellung
- Skalierbarkeit
- Digitalisierung
- Persönliche Haftung und Sicherheiten
Trick: Wie Unternehmer das Rating aktiv beeinflussen können
- Korrektur der Bilanzzahlen durch eine betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA+)
- Erstellen Sie eine BWA plus, bei der z. B. nicht liquiditätswirksame Abschreibungen neutralisiert und Sonderbelastungen erklärt werden.
- Ergänzen Sie eine Vermögensaufstellung mit Wiederbeschaffungswerten
- Immobilien, Maschinen und Software sollten nicht mit dem Buchwert, sondern mit einem durch Gutachten oder Marktvergleiche belegbaren Wiederbeschaffungswert dargestellt werden.
- Offenlegung der stillen Reserven
- Zeigen Sie, wo Vermögen „versteckt“ ist. Dokumentieren Sie mit externen Bewertungen, z. B. eines Steuerberaters oder Gutachters.
- Kapitaldienstfähigkeitsrechnung (KDFR) vorbereiten
- Die KDFR zeigt, ob Ihr Unternehmen langfristig in der Lage ist, seine Verpflichtungen zu bedienen. Hier können Sie freiwillig eine angepasste Version bereitstellen – unter Berücksichtigung Ihrer strategischen Pläne.
Warum viele Unternehmer „zu schlecht“ bewertet werden – und was wirklich zählt
Beispiel: Zwei Unternehmen im Vergleich
| Kennzahl | Unternehmen A | Unternehmen B |
|---|---|---|
| Jahresüberschuss | –14.000 € | +125.000 € |
| Cashflow (operativ) | +160.000 € | –55.000 € |
| Investitionen | 340.000 € (Digitalisierung) | keine |
| Rückstellungen | 95.000 € | 8.000 € |
| Liquidität 1. Grades | 1,2 | 0,7 |
| Eigenkapitalquote | 14 % | 39 % |
Auf dem Papier sieht Unternehmen B deutlich besser aus. Doch wirtschaftlich ist Unternehmen A moderner, zukunftsfähiger, investiert in Skalierung und hat eine starke operative Kraft.
Nur wer seine Zahlen erklären kann, wird gerecht beurteilt.
5 Schritte zur professionellen Außendarstellung trotz „schlechter Zahlen“
- Erklären statt rechtfertigen
- Ein schwacher Jahresüberschuss ist kein Problem, wenn die Hintergründe klar sind.
- Beispiel: „Wegen strategischer Investitionen in ein neues ERP-System wurde das Ergebnis planmäßig reduziert.“
- Zusatzbericht erstellen (Management Summary)
- 2–3 Seiten als Begleitdokument zu GuV und Bilanz.
- Inhalte: Strategie, Investitionen, Trends, Personal, Ausblick.
- Hilft Banken, Fördermittelgebern und Investoren enorm.
- Liquidität hervorheben
- Besonders bei EÜR-Unternehmen: Ein positiver Cashflow ist oft aussagekräftiger als der steuerliche Gewinn.
- Ertragsbereinigung durchführen
- Sogenannte „adjustierte“ GuV-Darstellung, in der Einmaleffekte oder strategische Maßnahmen herausgerechnet werden.
- Proaktive Kommunikation mit Banken und Stakeholdern
- Laden Sie Ihre Bank zum Jahresgespräch ein – vor Einreichung der Unterlagen.
- Seien Sie vorbereitet mit Unterlagen, Szenarien und Antworten auf typische Fragen (Investitionsplanung, Margenentwicklung, Personalstrategie).
Zahlen sind nur die Oberfläche – Substanz ist, was darunter liegt
Jahresabschlüsse sind wichtig, aber nicht objektiv. Sie zeigen eine vergangenheitsbezogene, steuerlich geprägte Sicht. Für Gründer, Start-ups, mittelständische Unternehmer und Berater ist es entscheidend, diese Sicht zu ergänzen – durch Transparenz, Erläuterungen und strategischen Weitblick.
Wer seine Zahlen kennt, versteht und erklären kann, erzielt bessere Ratings, günstigere Finanzierungen und langfristig erfolgreichere Entscheidungen.
Denn:
Nicht das Ergebnis entscheidet – sondern, wie gut man es erklären kann.

